John Bunzl:
On the Objection Front

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Das politische Bewusstsein der israelisch-jüdischen Gesellschaft
im Allgemeinen ist durch folgende Faktoren geprägt:

• Das zionistische Narrativ, wonach Israel die Antwort auf die „jüdische Frage“ darstelle, ein jüdisches Leben in der „Diaspora“ „ungesund“ sei und Israel eine Anti-These zur bzw. eine „Aufhebung“ der Diaspora verkörpere.
• Der Holocaust, der den letzten Beweis für die Notwendigkeit eines starken jüdischen Staates lieferte. Es besteht darüber hinaus eine Tendenz Gefahren und Gegner in Holocaust-ähnlichen Proportionen und Dimensionen zu sehen.
• Der Erfolg eines kolonialen Prozesses.

Die jüdische Besiedlung Palästinas, die Staatsgründung 1948, der Aufbau Israels als ethnischer jüdischer Staat, der Krieg 1967 und die Fortsetzung des Kolonisationsprozesses in den damals besetzen Gebieten konnte nur durch Gewalt und gegen den Willen der „Natives“, also der palästinensischen Araber, durchgesetzt werden. Die Rechtfertigung dieses Prozesses verlagerte sich nach 1967 mehr und mehr auf einen religiösen Diskurs, der Gott und messianische Visionen als Bündnispartner rekrutierte. Natürlich konnten diese Faktoren nicht unbeeinflusst von regionalen und internationalen Entwicklungen bleiben und die Gewichtung untereinander veränderte sich dementsprechend. Bis 1967 wurde eine Alternative zur Konfrontation mit der arabischen Welt von keinem relevanten Sektor der israelischen Gesellschaft gesehen. Der 6-Tagekrieg (1967) wurde noch als Krieg ums Überleben geführt, ähnliches gilt für den Oktoberkrieg (Jom Kippur) von 1973. Der Israel-Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat (1977) bewirkte einen mentalen Durchbruch. Es ist daher kein Zufall, dass die (noch immer) wichtigste Friedensbewegung Peace Now (Shalom Achschaw) 1978 entstanden ist. Es sei jedoch daran erinnert, dass ihre Ziele zunächst wenig mit den Palästinensern zu tun hatten: vielmehr sollte die Regierung von Menachem Begin zu einer flexibleren Haltung gegenüber Ägypten bewegt werden. Erst Sharons Libanon- Invasion von 1982 brachte einen Umschwung in mehrerer Hinsicht: erstens handelte es sich um einen Krieg, dem – nach dem Empfinden vieler Israelis – keine existenzielle Bedrohung vorausging und zweitens handelte es sich um einen Waffengang, der explizit dem Konflikt mit den Palästinensern „gewidmet“ war.
Während Sharon die politischen Ansprüche dieses Volkes mit militärischer Gewalt ausschalten wollte, war ein anderer, beträchtlicher, Teil der israelischen Gesellschaft der Meinung, dass es keine militärische Lösung des Palästinaproblems gebe. Nach 1982 vervielfältigte sich die Friedensbewegung. Neben der „Dachorganisation“ Peace Now entstanden mehrere Gruppen, die aus einem ad hoc Anlass entstanden waren, sich aber als relativ beständig erwiesen. Dazu gehört vor allem die Wehrdienstverweigerergruppe von Jesh Gvul („Es gibt eine Grenze“ – geographisch und moralisch gemeint), die im Zuge des Libanon- Krieges entstanden ist. Jesh Gvul lehnte den Einsatz im Libanon ab, aber entwickelte auch, wie andere ähnliche Gruppierungen (z.B. Komitee gegen den Krieg im Libanon), „radikalere“ Vorstellungen zu den Palästinensern, als sie Peace Now genehm waren. Letztere hatten sich mit dem Slogan: „Frieden ist besser als ein Großisrael“ begnügt, waren jedoch nicht zu Gesprächen mit der PLO (was auch verboten gewesen wäre) bereit, solange diese Organisation nicht einige Bedingungen erfüllt hatte. Dies trat erst nach Beginn der 1. Intifada (1987 – 1991) ein, als die höchsten Gremien der Palästinenser in Algier (1988) eine explizite und unzweideutige Anerkennung Israels aussprachen. Dieser Faktor und eine relative Schwächung der Arafat-PLO durch deren scheinbare Allianz mit Saddam Hussein im 1. Golfkrieg, sowie Druckausübung der damaligen Regierung Bush auf Israel (unter Jitzchak Shamir) führten zur Einberufung der Friedenskonferenz in Madrid (1991), bei der, wenn auch nicht die PLO, so doch die Palästinenser aus den Gebieten durch eine gewichtige Delegation vertreten waren. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse (und anderer Umstände, die mit der ex-sowjetisch-jüdischen Masseneinwanderung zu tun haben), kam es bei den Wahlen in Israel 1992 zu einem Umschwung, der Jitzchak Rabin und seine Arbeitspartei ans Ruder brachte. Unter diesen Voraussetzungen kam es zu den Geheimverhandlungen mit der PLO in Oslo, die 1993 mit der berühmten Zeremonie Clinton-Rabin-Arafat vor dem Weißen Haus abgeschlossen wurden. Die israelische Friedensbewegung schien ihre Ziele erreicht zu haben. Das gilt v.a. für Peace Now, die ja nun auch massiv in der Regierung vertreten waren. Die Rückkehr Arafats (1994) und die Einrichtung der Palestinian Authority (PA) schien der Okkupation ein Ende zu bereiten. Die facts on the ground sprachen jedoch eine andere Sprache; denn unter Ausnützung des für Israel günstigen Kräfteverhältnisses wurde der Siedlungsprozess fortgesetzt, ja intensiviert. Die Palästinenser wurden durch alle möglichen Einschränkungen daran gehindert einem Prozess entgegenzutreten, der ihnen vor ihren Augen den Boden für unabhängige Staatlichkeit unter ihren Füssen wegzog. Auch nach der Ermordung Rabins (1995) erholte sich die Friedensbewegung nicht. Selbst das katastrophale Zwischenspiel der Regierung Netanyahu (1996 – 1999) trug nicht dazu bei. Der Protest drückte sich lediglich in der Wahl von Barak (1999) aus. Dieser erwies sich jedoch als grosse Enttäuschung. Es gelang ihm nämlich der israelischen Öffentlichkeit folgende Version der Verhandlungen mit Arafat und Clinton in Camp David (Sommer 2000) zu verkaufen:

Barak machte ein großzügiges Angebot, Arafat lehnte brüsk ab und inszenierte die 2. Intifada. Barak konnte auf diese Weise auch das Gros der (bisherigen) Friedensbewegung überzeugen, dass es auf der anderen Seite keinen Partner gebe bzw. dass die Palästinenser letztlich nur die Sprache der Gewalt verstünden. Später stellte sich heraus, dass diese Einschätzung nicht einmal von den Spitzen des militärischen Geheimdienstes geteilt wurde. Der Schaden war jedoch angerichtet – und auf dieser Welle konnte auch Ariel Sharon reiten, als er 2001 mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde. Im Windschatten von 9/11 und des „War on Terror“ konnte Sharon seinen Krieg gegen die Palästinenser eskalieren. Die Operation Defensive Shield (2002, „Jenin“) bildete den Höhepunkt. Autonome Gebiete wurden wieder besetzt, die Infrastruktur der PA weitgehend zerstört. Einen wichtigen Beitrag zur quasi totalen Unterstützung dieses brutalen Feldzugs durch die israelische Öffentlichkeit lieferten (meist) islamistische Selbstmordattentate, die sich offensichtlich nicht nur gegen Soldaten und Siedler richteten, sondern die israelisch- jüdische Bevölkerung insgesamt im Visier hatten. Die fatale Kombination von mörderischem Kolonialkrieg und aus Ohnmacht/ Verzweiflung/Erniedrigung geborener Wahnsinnstaten machte eine breitere Friedensbewegung nahezu unmöglich. Sie beschränkte sich daher auf kleinere Formationen, von denen Gush Shalom (Uri Avnery) die bekannteste wurde. Daneben blieben wichtige single issue Gruppierungen, von denen hier einige aufgezählt werden sollen, aktiv: Ärzte für Menschenrechte, B’tselem – Menschenrechte für Palästinenser, Courage to Refuse (Soldaten, die sich weigern, bei der Repression in den Gebieten mitzumachen), Komitee gegen Häuserzerstörungen, Komitee gegen die Folter, Machsom-Watch (Frauenorganisation, die Militärposten in den Gebieten beobachtet), Rabbiner für Menschenrechte, Ta’ayush, (Kooperation von arabischen und jüdischen
Jugendlichen), Frauen in Schwarz u.v.a. Durch eine Ironie der Geschichte sah sich Ariel Sharon im Jahr 2004 veranlaßt mit seinem „Disengagement“ Plan selbst Forderungen aufzugreifen, die von Teilen der eingeschlafenen Friedensbewegung gestellt worden waren: Rückzug aus Gebieten, Auflösung von Siedlungen. Obwohl die im August 2005 dramatisch inszenierte Räumung des Gazastreifens nur einen kleinen Teil der besetzen Gebiete betrifft, ist sie in ihrer Symbolik nicht zu unterschätzen. Ein Präzedenzfall wurde geschaffen, der auch die viel zahlreicheren und grösseren Siedlungen in der Westbank/Ost-Jerusalem erfassen müsste. Nichts deutet zur Zeit darauf hin. Im Gegenteil: die Kolonisierung des Westjordanlandes schreitet zügig voran, ebenso
der Sperrwall, den die Palästinenser Apartheid Mauer nennen. Außerdem folgten alle Schritte Sharons bisher einer unilateralen Logik. Obwohl sich Arafat-Nachfolger Abu Mazen (Mahmoud Abas) besonders „gemäßigt“ gibt, wurden bisher keine Verhandlungen mit ihm aufgenommen. Der Präzendenzfall Gaza und die Art und Weise, wie er von der israelischen Öffentlichkeit angenommen wurde, aber auch (durch die Schwierigkeiten im Irak angespornte) Bemühungen der US-Regierung, könnten jedoch dennoch einen Prozess in Gang bringen, der ein wenig Anlass zur Hoffnung gibt. Die Soldaten, die im Film Raziti lihijot gibor / On The Objection Front zu sehen sind, gehören einer Bewegung an, die sich Courage to Refuse nennt. Sie hat sich im Zuge der 2. Intifada (ab 2000) gebildet und ist in gewisser Weise die Fortsetzung der früheren Initiative Jesh Gvul.

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John Bunzl ist Dozent für Politikwissenschaft an der Universität Wien und Nahostspezialist am Österreichischen Institut für Internationale Politik
(OIIP). Zahlreiche Publikationen zu Nahost, jüdische Geschichte und Antisemitismus.
Zuletzt (als Herausgeber):
Psychoanalysis, Identity and Ideology.
Critical Essays on the Israel/Palestine Case (2002) und Islam,
Judaism and the Political Role of Religions in the Middle East (2004).
Im Rahmen der Jüdischen Filmwoche 2005 wird er den Dokumentarfilm Raziti
lihijot Gibor (Ich wollte ein Held sein) / On The Objection Front einleiten.


John Bunzl is lecturer at The Department of Political Sciences at The University of Vienna and is an expert for Middle East at The Austrian Institute For International Affairs (OIIP). Numerous publications on the Middle East, jewish history and Anti-Semitism. Recent publications (as editor):
Psychoanalysis, Identity,and Ideology. Critical Essays on the Israel/Palestine Case
(2002), and
Islam, Judaism and the Political Role of Religions in
the Middle East (2004).
For Jewish Film Week 2005 he will introduce the documentary film Raziti lihijot Gibor (I Wanted To Be A Hero) / On The Objection Front.