Frank Stern:
Institut für Zeitgeschichte
Schwerpunkt visuelle Zeit- und Kulturgeschichte
Universität Wien

- Frank Stern über "Maktub"
- Frank Stern über "Atash/Durst"
- Frank Stern über "Yellow Asphalt"

 

EIN INTERETHNISCHER THRILLER – MAGISCHER
REALISMUS AUF ISRAELISCH „MAKTUB“

zur Filminfo

Die im allgemeinen ziemlich langweiligen israelischen Polizeifilme, die einst mit Ephraim Kishons satirischen Filmen begannen, erfahren mit Avi Musels Film „Maktub“ aus dem Jahre 2004 eine zeitgemäße Wende. Israelische Filmemacher entdecken zunehmend nicht allein die sefardische jüdische Bevölkerung als Thema, also jene großen und in allen Schichten der Gesellschaft umfassend vertretenen Israelis, deren Familien aus den arabischen Ländern und Nordafrika nach Israel eingewandert sind, sondern auch die demographisch immens wachsenden nichtjüdischen Bevölkerungsteile im Staat Israel. Avi Musel hat sich einer Geschichte angenommen, die im israelischen Polizeimilieu und in der drusischen Tradition spielt. Was wissen wir über die Drusen? Wer den israelischen Spielfilm „Die syrische Braut“ gesehen hat, weiss, dass es im Norden auf dem Golan zu beiden Seiten der heutigen Grenze drusische Dörfer gibt. Der Film „Maktub“ führt uns auf den Carmel, ein bewaldetes und Jahrtausende besiedeltes Bergland südlich Haifa, auf dem die Traditionen der Drusen wachgehalten werden, ein Bestandteil der multi-ethnischen Realitäten Israels sind. Drusen sind aus dem Islam entstanden, aber seit 1000 Jahren bewahren sie an dessen Rand ihre eigenen Traditionen, ihre Glaubensvorstellungen und Mythen. Gleichzeitig leben sie genauso wenig in Abschottung wie die Beduinen, die christlichen und muslimischen Araber. Sie sind trotz aller Probleme und sozialen Auseinandersetzungenüber Fragen der Gleichberechtigung, der regionalen Versorgung ein wichtiger Teil der israelischen Gesellschaft. Dem Regisseur gelingt es eindrucksvoll, Fremdheit und Nähe, für die drusische Vorstellungswelt charakteristische Erinnerungszusammenhänge, emotionale Bindungen, Mythen und Glaubensinhalte visuell zu vermitteln. Und das muss nicht unbedingt exotisch oder gar orientalisch sein. Ein gesellschaftlicher und familiärer Zusammenhang, der vom Gedanken der Reinkarnation bestimmt ist, weist heute über die drusischen Glaubensvorstellungen hinaus. Japanische und andere fernöstliche Spielfilme haben sich längst dieses Themas angenommen. Doch wozu in den Fernen Osten schweifen, wenn wir das notwendige Element mystischer Spannung und modernistischer Brüche auch im Nahen Osten und unter israelischen Filmemachern finden können.

Der Held des Films, ein Polizeioffizier, der aus einem Drusendorf stammt, das normale säkulare Leben eines Israelis führt, muß mehrere Kriminalfälle – Mord, Rauschgift – gleichzeitig und dazu noch die Beziehung zur israelisch-jüdischen Polizeioffizierin klären, mit der er sich interethnisch bisher ganz wohl gefühlt hat. Doch die drusischen Schatten erreichen ihn und damit das Problem, wie sich die Traditionen und auch psychologisch verinnerlichten Selbstwahrnehmungen mit dem säkularen israelischen Leben verbinden lassen. Hinzu kommt, dass die abstrakte Glaubenswelt ihre konkreten geographischen Orte hat, und daran mangelt es auch den anderen Religionen nicht in Israel. In zwei Welten, in die drusische und die jüdisch-israelische, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und doch auf dem engen Raum Israels ständig aufeinander angewiesen sind, wird der Zuschauer hineingezogen. Hierbei läge eine folkloristische Herangehensweise nahe, doch der Regisseur vermeidet dies zugunsten des Thrillers. Er denkt nicht an eine visuelle Vermarktung der Drusenboutiquen und des Tourismus in den Drusenstädtchen auf dem Carmel. Doch nicht die äußeren Widersprüche prägen den Film, sondern die Frage, ob der drusische Held, Reinkarnation, Seelenwanderung und Vorbestimmung auf den modernen Punkt bringen kann, anders gesagt, ob ein säkulares Verständnis religiöser Traditionen deren tödlichen Missbrauch aufhalten kann. Letzlich trotz aller Action ein stiller Film über Nachdenklichkeit bewirkende religiöse Traditionen und deren
Folgen.

 

EINE ARABISCHE GESCHICHTE INMITTEN ISRAELS –
ATASH / DURST

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Solche Kamerafahrten hatte der israelische Film schon lange nicht mehr. Der Zuschauer kann die brütende Hitze spüren, die elende Trockenheit dort, wo eigentlich nicht gesiedelt wird, wo mürbes Gras und glühende Steine jeden Atemzug erschweren. Die Sonne brennt sich in die Gesichter, in die Landschaft, in die uralte patriarchalische Struktur einer israelisch-arabischen Familie, deren drückende Vergangenheit - eine sengende Schmach, die die Tochter über den Vater und damit über die Familie gebracht haben mag – uns nicht erklärt wird. Doch wir erleben die Folgen, sie leben wie Ausgestossene, doch vielleicht ist es der Vater, sind es seine überkommenen Wert- und Familienvorstellungen, die sie an den Rand der arabischen Gesellschaft in diesem Teil des Staates Israel gebracht haben. Der Film „Atash“ (Durst) spricht von Durst nach Bildung, nach Freiheit, nach Liebe, nach körperlicher Berührung, nach Sex, Erotik und letztlich immer wieder nach Wasser, das diese Familie – Mann, Frau, zwei Töchter, ein Sohn – so dringend benötigt. Für sich selbst, aber auch zum Abkühlen der Kohle, die sie gemeinsam herstellen, die der Vater verkauft, von der sie leben. Immer wieder begleitet die Kamera ihre durch die Augen, Bewegungsansätze vermittelten Gefühle, die Gesten der Angst, die stummen Dialoge und das aggressive Ausbrechen aus der väterlichen Enge. Es ist ein mythischer Film und ein Film über den Aufbruch ins Heute. „Atash“ ist eine Parabel von der Enge der Tradition, von der überkommenen Würde und Würdelosigkeit des Patriarchats in einer Gesellschaft, die sich auf die Moderne zubewegt. Das muß nicht nur Israel sein. Ein israelisch-arabischer Film, ein palästinensischer Film? Ein Film, der nichts Politisches erzählt, auch nicht erzählen will, der keine israelischen Dorfpolizisten zeigt, keine brutale Konfrontation, der uns aber mehr über die israelisch-arabische Wirklichkeit im Staat Israel zeigt, vor allem die Notwendigkeit der Veränderung, als der ausgesprochen politische Film. Es gehört zu den auch emotional ergreifendsten Szenen der Filme dieses Jahres, wenn wir beobachten können, wie hier der Sohn zur Schule gehen, lernen möchte und der in seinen altvorderen Vorstellungen befangene Vater, dafür kein Verständnis aufbringen kann. In der Darstellung und Repräsentation der Frau und der Töchter kann ein westliches Publikum behutsam an die Frage herangeführt werden, ob sich die Emanzipation der Frauen in allen Kulturen so vollziehen müsse, wie es in Westeuropa gültig zu sein scheint. Der Regisseur Tawfik Abu Wael wuchs in der Gegend auf, in der der Film spielt. Diese Welt wollte er zeigen, das Thema der Befreiung des Bewußtseins unter den jungen israelischen Arabern in einem Bildfluß formen. Politik, so der Regisseur ist die Beziehung zwischen Menschen. Sein Film zielt auf die Befreiung von den Fesseln der Tradition. Aber er überlässt dem Zuschauer die Antwort.

Mit diesem Film meldet sich eine junge Generation von Filmemachern aus Israel zu Wort, denn an dem Film waren arabische und jüdische Israelis beteiligt. Abu Wael danach befragt, gab nur erstaunt zur Antwort: „Wir wollten alle einen guten Film
machen.“

 

DIE WÜSTE LEBT – ZUMINDEST DORT, WO ES
BEDUINEN GIBT – „YELLOW ASPHALT“

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Ungefähr 150.000 Beduinen leben in Israel, ein Teil in Zelten, ein Teil in Häusern und festen Siedlungen oder Städten und ein Teil in Sowohl-Als-Auch. Beduine zu sein bedeutet, einer bestimmten Lebensweise, einer bestimmten nomadisch geprägten Kultur anzugehören. Sie sind Muslime, doch trennt sie von anderen arabischen Gesellschaften ihre Geschichte, ihre Eigenart, ihr Stolz und ihr Stammesbewußtsein. Die Mehrheit der israelischen Beduinen lebt im Süden des Landes unweit Beer-Sheva, dem Brunnen Abrahams, in der Negev-Wüste. Die hierzulande oftmals verkitschten Bilder der Beduinen gemahnen an die Patriarchen oder, je nach Assoziationskraft, an Karl May. Die Berichte europäischer Touristen, die sich auf einem Kamel mit wehendem Wüstengewand fotografieren lassen reproduzieren den nach wie vor lebhaft existenten alltäglichen Orientalismus. Doch hat das mit der Realität einer um ihre sozialen Rechte, ihre Gleichberechtigung, ihre Traditionen ringenden ethnischen Bevölkerungsgruppe im multikulturellen Israel zu tun?

Danny Verete, der Regisseur von „Yellow Asphalt“ räumt mit den orientalischen Träumen vom hehren Beduinen auf und stellt gleichzeitig die Würde der Frauen und Männer aus den Beduinenstämmen wieder her. Gerade indem er die Widersprüche und Brüche im Übergang zur Moderne als individuelle Geschichten im Spannungsfeld von beduinischer Existenz und hochtechnisierter israelischer Umwelt, als Konflikt zwischen Sehnsucht, Sinnlichkeit und Tradition, zwischen Israel und Europa erzählt, gibt er uns einen Einblick, den kein gelehrter Vortrag über die Ethnien im Staate Israel vermitteln kann. Durch die Konzentration auf das Individuelle, auf alltägliche Geschichten, bringt der Film uns die unüberwindbar scheinenden Probleme einer Konfrontation der israelischen und beduinischen Bevölkerung nahe. Er will bewusst keine Erfolgsgeschichten erzählen, etwa von den ersten Ärzten, Lehrern, Akademikern, die den mühsamen Weg aus der Beduinensiedlung in die israelische Moderne gefunden haben und zur künftigen Führungsschicht dieser Stämme gehören werden. Es geht hier um den gesellschaftlichen Alltag. Die erste der drei Geschichten handelt von Tod, Schuld und der Suche nach Antworten auf unüberwindlichen Verlust, die sich mit Würde und Tradition vereinbaren lassen. In der zweiten geht es um eine Liebe, die an der kulturellen Ferne und unterschiedlichen Lebenserwartung einer jungen Deutschen, die in einen Beduinenstamm eingeheiratet hat, zerbricht. Diese Geschichte könnte in vielen Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas spielen. Und die dritte Filmerzählung, wohl die komplexe und enthüllendste, zu der uns der Regisseur erst hinführen muss, zeigt, dass auch im Intimen, in den Liebes- und Sexualbeziehungen die kulturelle Differenz, die fehlende Akzeptanz des kulturell Anderen, zum Scheitern des Zusammenlebens führen kann.

Gleichzeitig gibt es eine vierte, alles visuell umfassende Dimension: das Auge der Kamera vor und in der Landschaft, auch den Gesichtslandschaften. Es ist kein Film über Versöhnung, sondern eine Momentaufnahme über Widersprüche, die in einer Zeit der Kriege und Konflikte sicherlich nicht durch Vermittler gelöst werden können. Möglich wurde dieser an das Dokumentarische grenzende Spielfilm allerdings nur, weil die Mitglieder eines Beduinenstammes bereit waren, mitzuwirken. Und die jüngeren Beduinen, die den Film später sahen, fanden sich zum Teil mit ihren Problemen darin wieder, begannen den Film untereinander mit anderen Israelis erhitzt zu diskutieren. Die Filmgeschichten hatten eben doch kein Ende.

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Frank Stern lehrt am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mit
Schwerpunkt Visuelle Zeitund Kulturgeschichte. Er war langjähriger Direktor
des österreichisch-deutschen Studiengangs an der Universität Beer-Sheva
und beschäftigt sich mit jüdischen Themen im deutschsprachigen und internationalen Film seit 1900 sowie mit dem israelischen und palästinensischen Filmschaffen.


Frank Stern teaches at the Institute of Contemporary History at University of Vienna, specialized in Visual Contemporary and Cultural History. He has been longtime head of the Austrian-German Studies at Beer-Sheva University and he researches Jewish topics in German and international film since 1900, as well as Israeli and Palestinian filmmaking.

Institut für Zeitgeschichte Universität Wien