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Ein Filmemacher lebt durch seine Filme. Konrad Wolfs Filme haben ihn überlebt und werden noch lange Anschauungsmaterial, Quellen und beeindruckende Unterhaltung sein, die eins verbindet – die Filme bewahren unsere Geschichte. Es wäre ein Leichtes zu sagen: Aber war er denn nicht Kommunist, aktiver Gestalter der Kultur der DDR, des Defa-Films, hat er nicht die Kompromisse mit der Macht geschlossen, in seinen Filmen Zugeständnisse gemacht? Sicherlich, aber welcher innovative Filmemacher ist nicht Kind seiner Zeit, geprägt durch Erziehung, ästhetische Weltsicht, künstlerische Kreativität und jenes nicht unwesentliche Geschick, die Herrschenden ihren künstlerischen Mangel nicht spüren zu lassen. Subversion war gerade im Defa-Film identisch mit Charakter, und den hatten nicht alle, aber viele, darunter Konrad Wolf. Mit über 13 Filmen, an denen Wolf beteiligt war, gehört er zu den wichtigsten Filmemachern des anderen Deutschlands nach 1945. Aus dem russischen Exil kehrte seine deutsch-jüdische Familie nach Berlin zurück, der Vater Friedrich Wolf, Schriftsteller, Arzt und idealistischer Kommunist, der Bruder Markus, der bald hohe Funktionen in den Apparaten der DDR übernehmen sollte. Der junge Konrad Wolf kam als Soldat der Roten Armee nach Deutschland, gehörte zu denjenigen, die lange und erbittert an der Schlacht um Berlin teilnahmen, was sich in fast autobiografischer Präzision in seinem Filmschaffen widerspiegelt. Wolf lernte in Berlin, in Moskau, bewahrte Eigensinn und prägte denRealismus im Filmschaffen der DEFA mit erfolgreichen und den Zeitgeist treffenden Filmen. Die Jüdische Filmwoche zeigt drei seiner wichtigsten frühen Filme: „Sterne“(1959), „Professor Mamlock“(1960) und „Ich war neunzehn“(1968). Diese drei Filme können als Wolfs Jüdische Trilogie bezeichnet werden, oder auch als Filme, die insbesondere die deutsch-jüdische Erfahrung zwischen 1933 und 1945 zum Gegenstand haben. Entgegen landläufiger Thesen, wonach die DEFA und die DDR sich nicht mit der Verfolgung der Juden, mit Antisemitismus und der Vernichtungspolitik des NS-Regimes befasst hätten, zeigt Wolf mit diesen für die DEFA zentralen Filmen, dass die jüngste Vergangenheit der deutschen und europäischen Geschichte nicht allein ins Zeitbewußtsein geholt werden muss, sondern auch ästhetisch wirksamer Ausdrucksformen bedarf. Wolf nutzt den filmischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit, die visuellen Entwürfe von Sergej Eisenstein, den italienischen Neorealismus und die melancholischen Stimmungen der deutschsprachigen Romantik, um sein Verständnis der ethischen und ästhetischen Verantwortung des Filmemacher nach 1945 im Sinne der Schaffung einer demokratischen Gesellschaft zu verwirklichen. Film ist für Wolf stets mehr als Unterhaltung, er dient der Aufklärung im weitesten Sinne, Moral hat auch ästhetische Wurzeln.Seine Filmhelden fragen, denken, lassen den Zuschauer an jenem argen Weg der Erkenntnis teilhaben, der nicht erredet sondern filmisch und damit visuell umgesetzt wird. In „Sterne“einer Koproduktion der DEFA mit dem bulgarischen Studio für Spielfilme Sofia sind es zwei Charaktere, die einander und aneinander vorbei fragen. Eine griechische Jüdin, die in einem Deportationszug, der in Bulgarien halt macht und für Auschwitz bestimmt ist und ein deutscher Wehrmachtssoldat, der erst am Ende des Films eine Antwort findet und für jegliche Hilfe zu spät kommt. Wie Millionen Bürger unter dem NS-Regime. Konrad Wolf macht es sich in dieser Trilogie nicht leicht mit dem offiziellen Antifaschismus, er verändert nicht die Geschichte, seine Helden bleiben Antihelden, wenngleich immer die Hoffnung durchschimmert, dass es eine Alternative zum Antihumanismus der vom Nationalsozialismus verhetzten Massen geben möge. Viele Regisseure, auch in Hollywood, die seitdem die NS-Vernichtungspolitik und die Deportationszüge zu einem Thema ihrer Arbeiten gemacht haben, fußen bewusst oder unbewußt auf der Eingangssequenz von „Sterne“. In Verbindung mit dem jiddischen Lied „Brüder, es brennt…“ von Mordechai Gebirtig schuf Wolf eine neue dem Thema des Massenmords angemessene Filmsprache. In „Professor Mamlock“ ist es die junge Tochter des Professors, die im Jahre 1933 aufgrund ihrer antisemitischen Erfahrungen an der Schule Fragen stellt, nicht versteht, warum ihr Vater nicht erkennt, nicht erkennen will, dass der Hass gegen die Juden zur selbstverständlichen Norm geworden ist. Der Film spielt in Berlin, doch nicht zufällig hat Konrad Wolf für die Hauptrolle den österreichischen Schauspieler Wolfgang Heinz und weitere österreichische Darsteller engagiert. Professor Mamlock, das Theaterstück vom Vater des Regisseurs 1933 als spontane Reaktion auf den 30. Januar und als Aufklärungsstück geschrieben, hätte auch Professor Bernhardiheissen können. Der Antisemitismus war kein ausschließlich Berliner Problem. Expressionistische Kamerarbeit und für den deutschsprachigen Film innovative Filmmontage kennzeichnen die Ästhetik Wolfs in diesem Werk. In „Ich war neunzehn“ist es der junge Sowjetarmist, der die deutsche Seite über Lautsprecher zum Überlaufen auffordert und der sowohl Fragen an die „befreiten“ und in der NS-Ideologie befangenen Deutschen hat als an sich selbst. Denn wer ist er, der Heine zitierend „einst ein deutsches Vaterland hatte“, wie kann und soll er in diesem Lande leben, und woraus besteht die Kultur dieses nachnationalsozialistische Landes. Hier setzt Wolf dokumentarische Mittel ein, Ausschnitte aus den Zeugnis ablegenden Filmen der russischen Kameraleute bei der Befreiung der Konzentrationslager um Berlin. An keiner Stelle gibt sich der junge Held als deutscher Jude zu erkennen. Wolf überliess es dem Publikum, und doch hatte die durchaus emotionale Bezugnahme auf Heinrich Heines Gedichte für viele Bedeutung. Ein Film muß nicht immer alles sagen, um verstanden zu werden. Im Schweigen des Hauptdarstellers, gespielt von Jaecki Schwarz, dessen Familie aus dem Exil in die DDR gegangen war, liegt mehr als in den beredten Wortschwällen jener Schattengestalten, die sich bereits während des Vormarsches der alliierten Truppen selbst entnazifizierten. Diese kleine Konrad Wolf-Retro, auch aus Anlaß seines 80. Geburtstages, soll Appetit machen auf andere seiner Spielfilme, die sich mit den Gegenwartsproblemen einer Gesellschaft im Umbruch befassen und, wie der großartige Film „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“,von nahezu bedrückender Aktualität in einer Zeit des anwachsenden Fundamentalismus sind. Konrad Wolf hat uns mit seinen Filmen auch 2005 noch viel zu sagen. Frank Stern
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