JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN 2008 Einleitung Das Jüdische Filmfestival Wien 2008 findet heuer vom 13. bis 27. November im Festivalzentrum Metro Kino statt. Parallel dazu werden vom 14. bis 20. November das Votivkino, anschließend (21. bis 27. November) das De France bespielt. Erstmals gastiert das Festival auch im Zweiten Bezirk, wo mit dem historischen Jüdischen Theater im Nestroyhof eine kongeniale Spielstätte gefunden wurde. Das Programm wird heuer auf vier Themenschwerpunkte konzentriert. Die vom Filmarchiv Austria kuratierte Retrospektive „Jiddisches Kino – die Pioniere Sidney M. Goldin & Joseph Seiden“ widmet sich zwei Pionieren des jiddischen Kinos. Das Tribute Otto Tausig – Emigration und Rückkehr präsentiert Filme, in denen der wunderbare Mensch und Menschendarsteller Otto Tausig jüdische Charaktere verkörpert. Aufgrund seiner Lebensgeschichte setzt er sich für Flüchtlinge und soziale Projekte ein. Mit Regisseur Jan Schütte, der als Gast erwartete wird, drehte Otto Tausig u.a. die Filme Auf Wiedersehen, Amerika / Do widzenia, Ameryko (D/PL 1993) und Love Comes Lately (USA 2007). Dieses Tribute soll die Tatsache unterstreichen, dass Flucht und Emigration auch gegenwärtig äußerst relevante Themen sind. Im Fokus Israel und Palästina. „We Too Have No Other Land“: Filmschaffen in Israel und Palästina werden neben Werken israelischer Filmschaffender auch Produktionen palästinensischer Regisseure, die sich mit der Geschichte und Gegenwart ihrer beiden Länder auseinandersetzen, gezeigt. Gerade zum Zeitpunkt, wo der 60. Geburtstag des Staates Israel mittels offizieller Filmreihen vielfach gewürdigt wird, sieht das Jüdische Filmfestival Wien es als seine Aufgabe, auch das künstlerische Potential des palästinensischen Filmes ins Licht seiner Kinoprojektoren zu stellen. Unter dem Überbegriff Premieren werden neue internationale und österreichische Produktionen vorgestellt. Weiters bietet das Festival Schulvorführungen an, bei denen Filme, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, individuell von Klassen besucht werden können
Sidney M. Goldin, Joseph Seiden und das jiddische Kino In dieser Werkschau werden Produktionen von Sidney M. Goldin und Joseph Seiden präsentiert. Sidney M. Goldin (geb. um 1880 Odessa, Ukraine – gest. 19. September 1937 New York) zählt zu den wichtigsten Regisseuren, Produzenten und Drehbuchautoren des jiddischen Kinos. Seine ersten Regiearbeiten entstehen noch in Osteuropa und in den frühen 1920-er Jahren arbeitet er in Wien, u.a. dreht er 1923 mit der Listo-Film 1 Misrech und majrev/East And West mit Molly Picon. Von 1926 bis zu seinem Tod 1937 ist er hauptsächlich in Hollywood tätig. Joseph Seiden (23. Juli 1892, New York - ? Jänner 1974, New Hyde Park, New York) ist zunächst Regisseur, Kameramann und wird dann Produzent. Zahlreiche seiner Filme sind in jiddischer Sprache, wie zum Beispiel Got, Mentsch un Tayfl, der auf Goethes Faust beruht. Ein eigenes Programm bilden vier Fragmente: A Cantor on Trial / Chasn afn Probe (Sidney M. Goldin, USA 1931), The Feast of Passover / Di Seder Nacht (Sidney M. Goldin, USA 1931), I Want to Be A Boarder / Ich wil Sain a “Boarder" / Ich wil sain a Pansjoner (George Roland, USA 1937; Produzent: Sidney M. Goldin) und Tam na horach (Sidney M. Goldin, CZ 1920). Als abendfüllende Spielfilme werden gezeigt: His Wife's Lover / Sain Waibs Lubovnik / His Wife's Sweetheart (Sidney M. Goldin, USA 1931), Uncle Moses (Sidney M. Goldin, USA 1932), Love and Sacrifice / Libe un Laidnschaft / Love and Passion (George Roland, USA 1936; Produzent: Sidney M. Goldin), My Son / Main Zundele / Der Lebediker Josem / The Living Orphan (Joseph Seiden, USA 1938), Motl der Operator / Motel the Operator (Joseph Seiden, USA 1939), Got, Mentsch und Tayfel / Faust (Joseph Seiden, USA 1949) und The Cantor’s Son / Dem Chasns Zundl (Joseph Seiden, 1937). Als Gäste sind Sharon Rivo, die Direktorin des National Centers For Jewish Film, wo zahlreiche Filme restauriert wurden, und der Filmhistoriker Ronny Loewy angefragt.
Tribute Otto Tausig – Emigration und Rückkehr Heuer jährte sich im März zum achtzigsten Mal die Annexion Österreichs durch Nazideutschland. In Egon Humers sensiblem Dokumentarfilm Emigration N. Y. – Die Geschichte einer Vertreibung (A 1994/95) berichten sieben Frauen und fünf Männer, die 1938 aus Österreich fliehen mussten, aus ihrem Leben in der Heimat und im Exil. „Fast alle Interviewten waren zum Zeitpunkt der Flucht aus Österreich Kinder oder Jugendliche. Die (erinnerte) Kinderperspektive, aus der die damaligen Ereignisse geschildert werden, definiert das Phänomen der Emigration aus einem anderen Blickwinkel.“ 2 Einer, der Vertreibung und Rückkehr erlebte, ist Otto Tausig. Ihm wollen wir eine kleine Reihe mit drei Filmen widmen, in denen er jüdische Charaktere verkörpert. Otto Tausig wird am 13. Februar 1922 in Wien geboren und kann sich 1939 mit einem „Kindertransport“ im letzten Moment nach Großbritannien retten. „Immer wieder, wenn ich heute über den Margaretengürtel fahre, dort, wo er in einer großen Kurve zur Gumpendorfer Straße hin schwenkt, sehe ich vor mir, wie wir damals, vor 66 Jahren, an einem nebligen Wintertag um 6 Uhr früh, zum Westbahnhof fuhren. Meine Mutter, mein Vater, den ich nie wieder sehen sollte, und ich.“3 In Großbritannien schlägt er sich als Land- und Fabrikarbeiter durch. Er versucht, seine Eltern nach England nachzuholen, aber nur gesunde Emigranten werden aufgenommen. Der Vater, Aladar Tausig, leidet an einem Gehörschaden und wird deshalb abgewiesen. Durch einen glücklichen Zufall gelingt es Franziska und Aladar Tausig, zwei Passagen auf dem Dampfer „Usaramo“ nach Shanghai zu erhalten. Die Flucht in den Fernen Osten rettet ihnen das Leben. Ihre übrige Familie wird später ermordet. Aladar Tausig stirbt in Shanghai und Franziska Tausig kehrt 1947 nach Wien zurück. „Meinen Vater habe ich sehr geliebt, nicht nur weil er – meine Lieblinsspeise kennend – mir immer riesige Schüsseln mit Schokoladepudding machte, sondern weil er ein wirklich, wirklich guter Mensch war. Jahrzehnte später habe ich sein Grab in Shanghai besucht, bin mit einem Schiff den Yang Po-Fluss hinuntergefahren und habe mir gedacht: Papa, ich komme jetzt! – Aber das Grab war nicht mehr da, nur Hochhäuser.“ 4 Von 1946 bis 1949 studiert Otto Tausig, der im April 1946 mit Hilfe der Kommunistischen Partei in Wien eintrifft, am Reinhardt-Seminar. Ab 1948 ist er als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg am Neuen Theater in der Scala aktiv. Acht Jahre später geht er ans Deutsche Theater in Ost-Berlin, dem zahlreiche Engagements, u. a. in Zürich, Wien, Berlin und München, folgen. Von 1970 bis 1983 ist Otto Tausig als Schauspieler und Regisseur Ensemblemitglied des Burgtheaters. Seit den 1960-er Jahren ist er hauptsächlich als Regisseur und Schauspieler in Film- und Fernsehproduktionen tätig. Aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte setzt er sich immer wieder für soziale Projekte ein, u. a. unterstützt er das Laura Gatner Haus der Diakonie in Hirtenberg. In diesem Heim, das nach Otto Tausigs im Nationalsozialismus ermordeten Großmutter benannt ist, werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut. 5 Seit vielen Jahren engagiert Otto Tausig sich im Entwicklungshilfeklub6 für Projekte in verschiedenen Ländern und in Organisationen wie Physicians for Human Rights 7, deren Mitglieder sich für die medizinische Versorgung und die Einhaltung von grundlegenden Menschenrechten in Israel und den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten engagieren. Im Jahre 1998 wird Otto Tausig mit dem Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte geehrt. In seiner Rede meint er: „Ja, ich hab immer gedacht, dass der Schauspieler mehr sein soll als ein Wurstel, der die Leut amüsiert. Dass er mit seiner Kunst dazu beitragen soll, dass unser menschliches Zusammenleben menschlicher, vernünftiger wird. Nur, je älter ich werde, je weniger glaube ich an die Fähigkeit des Theaters, wirklich Entscheidendes zu bewirken, in einer Welt die aufgebaut ist auf Besitzgier, in der nicht die Vernunft regiert, sondern der Profit und in der alle zwei Sekunden ein Kind am Hunger stirbt. (...) Seit ich vor ein paar Jahren mit einem Film in Indien war und das unbeschreibliche Elend dort gesehen habe, lässt mich dieses Bild nicht mehr los. Und auch nicht die Verpflichtung, etwas dagegen zu tun.“ 8 Mit Regisseur Jan Schütte, der als Gast angefragt ist, drehte Otto Tausig u.a. die Filme Auf Wiedersehen, Amerika / Do widzenia, Ameryko (D/PL 1993) und Love Comes Lately (USA 2007). Auf Wiedersehen, Amerika / Do widzenia, Ameryko ist eine melancholische Geschichte über drei EmigrantInnen in New York, die ihre alte Heimat Polen besuchen. Im gleichen Programm läuft der Dokumentarfilm Verloren in Amerika (Jan Schütte, D 1988), über zwei Exilanten, die Jan Schütte zu Auf Wiedersehen Amerika/Do widzenia, Ameryko inspirierten. Im Jahre 2002 drehte Urs Egger den Spielfilm Epsteins Nacht (D/A/CH 2002), in welchem drei frühere KZ-Häftlinge – einen von ihnen verkörpert Otto Tausig - eines Tages ihrem vermeintlichen Peiniger aus dem Lager begegnen.
Fokus Israel und Palästina. „We Too Have No Other Land“: Filmschaffen in Israel und Palästina Seit den 1980-er Jahren setzt sich das Kino Israels und Palästinas verstärkt mit Themen wie Identität, Religion und Besatzung auseinander. Durch den Libanonkrieg von 1982 ensteht in Israel nicht nur eine politische Antikriegsbewegung sondern es entwickeln sich auch in der Kunst kritische Strömungen. Während israelische Filmschaffende der 1980-er Jahre ihren Beitrag zum Friedensprozess leisten, ändern sich im darauf folgenden Jahrzehnt die Inhalte der Filme. „Wie der größte Teil der Friedensbewegung, haben sich die meisten israelischen FilmemacherInnen mit der Unterzeichnung der Prinzipienerklärung zwischen PLO und Israel im September 1993 aus dieser politischen Arena verabschiedet. Sie hatten das Gefühl, einen Erfolg erzielt zu haben und die Friedensbemühungen an die Regierung, die wieder eine der Arbeiterpartei war, abgeben zu können.“ 9 Die überwiegende Zahl der Produktionen der 1990-er Jahre behandelt eher innenpolitisch relevante Themen, wie zum Beispiel die Situation der orientalischen Juden, Homosexualität, den Gegensatz von Säkularismus und Orthodoxie oder sexuelle und physische Gewalt in der Familie. Im palästinensischen Kino kommt es durch die Niederlage der arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg von 1967 zu einer Art Aufbruchstimmung. „Das Bedürfnis nach Dokumentation dieses Kampfes stand am Beginn der Filmproduktion, aber jede künstlerische Äußerung war zugleich mehr als nur ein Notieren der Ereignisse, es war ein Behaupten und Bewahren der nationalen Identität, für die die Existenz und Entwicklung einer eigenen Kunst von entscheidender, stabilisierender Wirkung war. Neben der Wirkung nach innen ging es in gleichem Maße um jene nach außen: Der politische Kampf ist heute ohne Medien nicht denkbar. 1968, als eine Photo-Abteilung der PLO gegründet wurde, stand im Programm: ‚Mit Bild und Film können wir unsere Auffassung von der Revolution den Massen vortragen und die Kontinuität der Revolution aufrecht erhalten.‘“10 Das vorrangige Interesse ist das Dokumentieren der Situation der palästinensischen Bevölkerung in den Lagern und das Sammeln von historischen Informationen. Durch Filme soll das zerstreute Volk zu einer Einheit verbunden werden. Darüber hinaus soll ein internationales Publikum erreicht und informiert werden. Mit der Zerschlagung der PLO-Strukturen in Beirut während der israelischen Libanoninvasion 1982 werden großteils auch die Filmabteilungen und das Filmarchiv zerstört. In den folgenden Jahren reduziert die PLO ihre Filmproduktion erheblich und konzentriert sich auf Koproduktionen mit dem Westen. Seit Beginn der 1980-er Jahre entwickelt sich im europäischen und später auch im US-amerikanischen Exil eine unabhängige Richtung des palästinensischen Films. Eine Reihe von Filmschaffenden kritisiert die israelische Besatzung, aber auch die eigene nationale Führung. Bis in die Mitte der 1990-er Jahre leben praktisch alle unabhängigen palästinensischen Filmschaffenden in Europa oder den USA. Die Verhandlungen zwischen der PLO und Israel bis zur Unterzeichnung der Oslo-Verträge, löst bei vielen von ihnen zunächst die Hoffnung aus, das kulturelle Leben Palästinas mit Unterstützung der Autonomiebehörde reaktivieren zu können. „Ähnlich wie auf der israelischen Seite steigt das Bedürfnis der Filmschaffenden sich mit Film als Kunst zu befassen und eine originäre Filmsprache zu entwickeln. Diese von außen ähnlich erscheinenden Entwicklungen dürfen jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die beiden Gesellschaften unter extrem unterschiedlichen, sogar sich widersprechenden Bedingungen leben. Während Israel seine Existenz in den letzten Jahren gesichert und sein Staatsgebiet erweitert hat und die Beschäftigung mit Film als Kunst als einen Ausdruck von Normalität betrachtet, stehen die Entwicklungen des palästinensischen Filmschaffens im Zeichen der Rückgewinnung von Selbstachtung unter dem Eindruck der israelischen Normalität: der Besatzung. Die eingangs erläuterten Anliegen des palästinensischen Filmschaffens, die eigene Geschichte selbst zu erzählen, also selbst zu bestimmen, und die eigene Identität zu behaupten haben nach wie vor ihre Gültigkeit und seit der zweiten Intifada an Aktualität gewonnen.“ 11 Die Unterdrückung der palästinensischen Frauen ist ein immer wiederkehrendes Thema, sowohl in Dokumentar- als auch in Spielfilmen. Der israelische Regisseur Eran Riklis schildert in seinem Spielfilm Etz limon / Lemon Tree (IL/D/F 2008) die Situation einer palästinensischen Witwe. Einerseits ist sie der Willkür ihrer israelischen Nachbarn anderseits den patriarchalischen Strukturen ihres Heimatdorfes ausgeliefert. In den beiden Dokumentarfilmen Wegwul natan / Borders (Nurit Kedar & Eran Riklis, IL 2000) und Chalom Lewanon / Lebanon Dream (Nurit Kedar, IL 2001) werden Grenzen und die Nachbarstaaten Israels behandelt. Im Dokumentarfilm Route 181 - Fragmente einer Reise In Palästina-Israel (Michel Khleifi & Eyal Sivan, F/B/D/GB 2003) bereisen der Palästinenser Michel Khleifi und der Israeli Eyal Sivan eine imaginäre Demarkationslinie, die nach dem Willen der UNO Palästina („Resolution 1981“ vom 29. November 1947) das britische Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen palästinensischen Staaten teilen sollte. In ihrem packenden Dokumentarfilm Gam lanu ejn erez acheret / La Namliku Watanan Achar / We Too Have No Other Land Il 2007) schildern Jerrold Kessel und Pierre Klochendler (beide Regisseure sind als Gäste angefragt) Entstehung und Gegenwart eines arabischen Fußballklubs, der in der israelischen Liga mitmischt. Einer der besten und reifsten Erzähler der Geschichte und der Gegenwart des palästinensischen Volkes ist der Regisseur Elia Suleiman, der am 28.Juli 1960 in Nazareth geboren wurde. Seine Karriere als Filmemacher beginnt in New York, wo er von 1982 bis 1993 lebte. Im folgenden Jahr kehrt er nach Jerusalem zurück und wird Dozent an der palästinensischen Birzeit- Universität. Internationale Anerkennung erlangt er mit seiner Tragikkomödie Yadon Ilaheyya / Divine Intervention/ Göttliche Intervention – Eine Chronik von Liebe und Schmerz (F/MA/D/PS 2002). Von der Kritik wurde dieser Film in der Tradition von Jacques Tati, Jim Jarmusch und Buster Keaton gesehen. 12
Spielfilme Gemeinsam mit FranCultures 13, präsentieren wir die zwei Spielfilme Dans la vie / Two Ladies (Philippe Faucon, F 2008) und Wedaan Umahat / Good Bye Mothers (Mohamed Ismail, MA 2007). Dans la vie / Two Ladies ist ein berührendes und zutiefst menschliches Porträt über die Freundschaft zweier älterer Damen in Frankreich: einer Jüdin und einer Muslima. Für eine Vorführung von Wedaan Umahat / Good Bye Mothers sind die Drehbuchautorin Reine Danan und der Regisseur Mohamed Ismail als Gäste angefragt. Diese Produktion ist der erste marokkanische Spielfilm, der sich mit der Auswanderung der marokkanischen Juden Anfang der 1960-er Jahre auseinandersetzt. Er erzählt auch von der Freundschaft zwischen einem Muslim und einem Juden. Amos Kollek, dem Sohn des langjährigen Bürgermeisters von Jerusalem Teddy Kollek, schuf mit Chasar-menuchah / Restless (IL/CDN/B 2008) ein packendes Drama. Erzählt wird die konfliktreiche Beziehung zwischen dem Dichter Moshe, der seit über 20 Jahren in New York lebt, und seinem Sohn Tzach. Moshe, der seinen Sohn und dessen Mutter in Israel zurück ließ, ist gezwungen über sein Leben nachzudenken, als Tzach ihn eines Tages besucht. „ Keiner von beiden ist der Gute, keiner der Böse, die Grenzen fließen", sagt Amos Kollek über die Figuren in seinem Film. 14 Dem gegenüber steht Deux vies...plus une / Two Lives Plus One (Idit Cébula, F 2007) eine Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, deren Eltern den Krieg als Juden erlebt haben. In Les murs porteurs / Cycles (Cyril Gelblat, F 2008) sucht eine fünfundsiebzigjährige Frau, die allmählich ihr Gedächtnis verliert, nach Spuren aus ihrem Leben im jüdischen Viertel von Paris. Die britische Komödie Sixty Six (Paul Weiland, UK 2006) spielt im London des Jahres 1966: Ein zwölfjähriger Bub fiebert seiner Bar Mitzwa – der Feier seiner religiöse Mannwerdung - entgegen. Doch die finanziellen Sorgen seiner Eltern und das alles überragende Endspiel der Fußballweltmeisterschaft stellen diesen besonderen Tag der religiösen Mannwerdung in den Schatten. Un secret / A Secret (Claude Miller, F 2007) basiert auf Philippe Grimberts autobiographischen Roman Un secret / Ein Geheimnis. „Ein Heranwachsender erzählt von seinen Eltern und schließt dabei die Lücken dessen, was er weiß, mit eigenen Vorstellungen. Als Kind glaubt er, Tania und Maxime (seien Eltern, Anmerkung der Autorin) hätten während des Zweiten Weltkrieges zwei glückliche Jahre an einem Hort des Friedens in der unbesetzten Provinz verbracht. Erst als Fünfzehnjähriger erfährt er von einer Familienfreundin, wie unzutreffend dieses Bild war.“ 15
Dokumentarfilme In Auf der anderen Seite des Lebens (Greta Jamkojian, A 2008) erinnern sich Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen an ihre Zeit im Lager, ihr Überleben und Leben mit der Erinnerung. Eine bewegende Lebensgeschichte zeigt der Der Weg nach Mekka - Die Reise des Muhammad Asad (Regie: Georg Misch, A 2008). Leopold Weiss alias Muhammad Asad (2. Juli 1900, Lemberg - 20. Februar 1992, Mijas, Spanien) war ein Jude aus Lemberg, der zum Islam konvertierte und zu einem der bedeutendsten muslimischen Denker des 20. Jahrhunderts wurde.
Jugendfilme „14 +“ Bereits im vergangenen Jahr präsentierten einer eigenen Schiene namens „14 +“ fünf Spielfilme für Jugendliche ab 14 Jahren vorgestellt. Heuer sind es die beiden Spielfilme Haboged hakatan / The Little Traitor (Lynn Roth, USA / IL 2007) und Mischehu laruz ito / Someone To Run With (Oded Davidoff, IL 2006)
Schulvorführungen Das Jüdische Filmfestival Wien bietet LehrerInnen die Möglichkeit, mit ihren SchülerInnen Filme, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, individuell zu besuchen. Das Angebot kann in den Unterricht eingebaut werden und so besteht die Möglichkeit, sich für bestimmte Filme und Anfangszeiten zu entscheiden. Besonders im Jahre 2007 wurde das Angebot verstärkt in Anspruch genommen Seit 2004 finden in Österreich so genannte peacecamps statt: 10-tägige Workshops mit israelischen und palästinensischen Jugendlichen sowie Gleichaltrigen aus jeweils zwei europäischen Ländern – bislang Österreich, Slowenien und Ungarn. Nach einer Vorbereitung in ihrer Heimat zum Thema ihrer kulturellen, religiösen, historischen Identität, bringen die Jugendlichen ihre „Familienalben" auf das peacecamp mit, eine Dokumentation ihrer persönlichen Geschichte und der Kulturgeschichte der eigenen Gruppe. Sie dient als Ausgangspunkt und Grundlage zum gegenseitigen Kennen- und Verstehen lernen, zum Vergleichen und Erkunden der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den teilnehmenden Jugendlichen und deren Familien. Das Projekt ist eine Privatinitiative von Evelyn Böhmer-Laufer und Ronny Böhmer. 16 (Nähere Informationen: http://peacecamp2006.blogger.de/) In Anlehnung an diesen Gedanken der Verständigung und des Brückenbaus plant das Jüdische Filmfestival Wien Treffen von österreichischen SchülerInnen aus verschiedenen Kulturen und Religionen in Kinos. Nach der Vorführung eines Filmes soll den Jugendlichen in Workshops die Möglichkeit geboten werden, über den Film zu diskutieren und ihre Meinung zu reflektieren. Weitere Treffen einzelner SchülerInnengruppen, zum Beispiel im Rahmen eines Aufsatzwettbewerbs, sollen die Zusammenarbeit verstärken. Informationsmaterial zu den Filmen wird vom Jüdischen Filmfestival zusammengestellt.
Monika und Frédéric-Gérard Kaczek
1 Die Listo-Film ist eine Wiener Filmgesellschaft, die 1919 als Filmproduktionsgesellschaft gegründet wurde. In der Nachkriegszeit stellte sie die Produktion ein und widmet sich seither der Nachbearbeitung sowie dem Kopieren von Filmen. 2 www.cine-holocaust.de; 08.09.08 3 Otto Tausig: Kasperl, Kummerl, Jud. Eine Lebensgeschichte. Nach seiner Erzählung aufgeschrieben von Inge Fasan. Mandelbaum Verlag, Wien 2005, S. 33. 4 ebd. 5 http://fluechtlingsdienst.diakonie.at/goto/de/was/betreuung-von-jugendlichen/laura-gatner-haus 6 www.eh-klub.at/ 7 http://physiciansforhumanrights.org/ 8 www.eh-klub.at/ 9 Irit Neidhardt, www.mecfilm.de/de/extern/marx/marx.htm; 08.09.08 10 Rolf Richter: Bewahrung nationaler Kultur, in: Sonntag, 14. Juni 1981 (zitiert nach: Irit Neidhardt, www.mecfilm.de/de/extern/marx/marx.htm; 08.09.08) 11 Irit Neidhardt, www.mecfilm.de/de/extern/marx/marx.htm; 08.09.08 12 www.kamera.co.uk/interviews/elia_suleiman.html 13 www.francultures.at/index.html 14 www.3sat.de/kulturzeit/specials/117894/index.html
15 www.dieterwunderlich.de/Grimbert_geheimnis.html¸09.09.08 16 http://peacecamp2006.blogger.de/ |