JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN 2009

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Als wir 1991 begannen, nannten wir unsere Veranstaltung Jüdische Filmtage. Im Laufe der Zeit wuchs sie von ein paar Filmtagen zur Jüdischen Filmwoche an, bald gefolgt von den Jüdischen Filmwochen. Begünstigt durch das stetig zunehmende Publikuminteresse und als Mitglied der Europäischen Föderation gleichnamiger Veranstaltungen, wurde 2007 aus den Wochen ein Festival. Heuer, bedingt durch die grassierende Wirtschaftskrise, sehen wir uns gezwungen, unsere Bemühungen auf ein paar wenige Tage zu konzentrieren, wobei wir rund um das Jüdische Filmwochenende noch einige Vorführungen planen konnten. Diese „Sparvariante“ soll die Erwartungshaltung unseres Publikums nicht enttäuschen und der Veranstaltungsreihe die krisensichere Präsenz attestieren. Im Jahre 2010 soll das Jüdische Filmfestival Wien wieder in einem adäquaten Zeitrahmen durchgeführt werden.

ZUM PROGRAMM

Zur Eröffnung des 17. Jüdischen Filmfestivals wird am 12. November 2009 in Kooperation mit dem Filmladen der deutsche Spielfilm Berlin 36 (Regie: Kaspar Heidelbach, D 2009) im Votivkino gezeigt. Eine Delegation der amerikanischen Regierung droht, die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zu boykottieren, falls im deutschen Olympiakader keine jüdischen Sportler und Sportlerinnen vertreten sind. Aus diesem Grund wird die Jüdin Gretel Bergmann, die überragende Hochspringerin dieser Zeit, unter Druck aus der Emigration in Großbritannien zurückgeholt und in das deutsche Trainingslager aufgenommen. In den Augen der Nazis darf sie aber auf keinen Fall gewinnen. Deshalb wird die bis dahin unbekannte Konkurrentin Marie Ketteler ins Rennen geschickt. Das Drehbuch basiert auf der Lebensgeschichte der deutsch-jüdischen Sportlerin Gretel Bergmann, die heute 95-jährig in New York lebt. Als Gäste sind Hauptdarstellerin Karoline Herfurth (bekannt aus den Filmen Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders und Im Winter ein Jahr) und Regisseur Kaspar Heidelbach (er erhielt für den Fernsehfilm Das Wunder von Lengede den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis) angefragt. Als Moderator angefragt: Johann Skocek (Journalist)

Vom 13. bis zum 15. November 2009 werden im Votivkino sieben neue Produktionen präsentiert, wie zum Beispiel die Komödie Simon Konianski (Regie: Micha Wald, B 2009). Simon, 35 Jahre alt, lebt mit seinem Vater Ernest in Belgien zusammen. Beide machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Tante Mala sowie Onkel Maurice, Ernests Geschwister, todunglücklich sind, weil Simon mit einer „goyischen“ Tänzerin einen sechsjährigen Sohn hat. Als Ernest stirbt, fühlt Simon sich verpflichtet, den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen: dieser möchte in seinem ukrainischen Heimatort begraben werden. Simon und sein Sohn machen sich gemeinsam mit Ernests Leichnam, Tante Mala sowie Onkel Maurice auf eine kuriose, abenteuerliche Reise in den Osten.

El Nido Vacío/Empty Nest, der sechste Film des argentinischen Regisseurs Daniel Burman, dessen Filme Esperando al Mesías (2000) und El Abrazo Partido (2004) bereits beim Jüdischen Filmfestival Wien im Votivkino liefen, erzählt von der Zeitspanne, die das Leben aller Eltern prägt: Jener, in der die Kinder groß und flügge werden. Leonardo, ein erfolgreicher argentinischer Schriftsteller, und seine Frau Martha (wunderbar von Cecilia Roth – bekannt aus Pedro Almodòvars Todo Sobre Mi Madre/Alles Über Meine Mutter – verkörpert) befinden sich eines Tages in dieser Situation, die ihr bis dahin ruhig verlaufendes Leben aus den Bahnen zu werfen scheint. Während sich Martha in verschiedenste Aktivitäten flüchtet, entdeckt ihr Mann plötzlich sein Begehren für eine schöne und junge Frau.

In Haim Tabakmans Spielfilm Ejnaim pekuchot/Eyes Wide Open (IL/D/F 2009), der heuer bei den Filmfestspielen in Cannes lief, verliebt sich der jüdisch-orthodoxe Familienvater Aaron in einen jungen, schwulen Religionsschüler. Mit seinen homosexuellen Neigungen in der strengen Gemeinschaft Jerusalems stößt Aaron auf religiöse Tabus und muss gegen Zwänge kämpfen. Auch Aaarons Frau Rivka spürt den Druck, der auf ihrem Mann lastet. In starken Bildern zeigt der Film eine - für Frauen und auch Männer - enge Welt. Diese Produktion wird mit dem Kurzspielfilm Chote/Sinner (Regie: Meni Philip, IL 2009) gezeigt, wo ein dreizehnjähriger Schüler von seinem Rabbiner missbraucht wird und nirgends Hilfe finden kann.

Der Spielfilm Ajami, vom palästinensischen Filmemacher Scandar Copti gemeinsam mit dem Israeli Yaron Shani geschrieben und inszeniert (D/IL 2009), verbindet fünf Geschichten über Juden und Araber, Christen und Muslime in Ajami, einem Stadtteil von Jaffa. Der Palästinenser Malek, der illegal in Israel arbeitet, um die Krankenhauskosten für seine Mutter zu finanzieren, gehört ebenso zum Viertel wie der jüdische Polizist Dando, der seinen vermissten Bruder sucht, sowie der wohlhabende Palästinenser Binj, der von einem glücklichen Leben mit seiner jüdischen Freundin träumt. Alle Rollen wurden mit LaiendarstellerInnen aus Jaffa und Tel Aviv besetzt.

In ihrem vorbildlich recherchierten Dokumentarfilm Killing Kasztner (USA 2008) behandelt Regisseurin Gaylen Ross die schwierige Frage nach Heldentum, Schuld und Vergebung. Sie folgt den Spuren des jüdischen Journalisten und Juristen Israel (Rudolf/Rezsö) Kasztner, der in den Jahren 1941 bis 1945 das jüdische „Komitee für Hilfe und Rettung in Budapest“ führte und Juden retten konnte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in seiner neuen Heimat Israel beschuldigt, mit den Nationalsozialisten kollaboriert zu haben. Während eines gegen ihn anhängigen Prozesses wurde er am 3. März 1957 vor seiner Wohnung in Tel Aviv von drei Attentätern angeschossen und erlag zwölf Tage später seinen Verletzungen. Gaylen Ross interviewt seine Tochter Zsuzsi, die Enkeltöchter sowie auch Ze’ev Eckstein, einen seiner Mörder. Im Zuge dessen kommt es auch zu einem beklemmenden Treffen zwischen Zsuzsi Kasztner und Ze’ev Eckstein.

Mary&Max, ein australischer Knetfigurenanimationsfilm, mit dem das heurige Sundance Film Festival eröffnet wurde, führt uns in zwei unterschiedliche und doch ähnliche Welten. Die achtjährige Australierin Mary Daisy Dinkle beginnt mit dem 44-jährigen New Yorker Max Jerry Horowitz eine zwanzig Jahre dauernde Brieffreundschaft - zwei einsame Seelen, die sich treffen. Mary will endlich einen Vertrauten aus Fleisch und Blut haben. Sie findet ihn in Max, dem jüdischen Atheisten, der am Asperger-Syndrom, einer besonderen Form von Autismus, leidet und sich zu seiner Vorliebe für Schokolade-Hot-Dogs bekennt.

Weiters finden im Metro Kino drei einzelne thematische Veranstaltungen statt.

Am 16. November 2009 wird das Musical Hello Malkele! (von und mit Caroline Koczan) mit einem Ausschnitt aus dem jiddischen Film Jidl mit’n Fidl (Regie: Joseph Green, Jan Nowina-Przybylski, PL/USA 1936) aufgeführt. Diese musikalische Hommage an die außergewöhnliche und vielseitige Künstlerin Molly „Malkele“ Picon führt mit kleinen Szenen und den bekanntesten Liedern des jiddischen Theaters durch ein bewegtes Leben. In Englisch, Deutsch und Jiddisch lässt Caroline Koczan, von Florian Schäfer am Klavier begleitet, die große Zeit der jiddischen Revue wieder aufleben.

Gemeinsam mit fran:cultures - Plattform frankophoner Kulturen ist für den 18. November 2009 die Vorführung von Kalat Ha-jam/Jaffa/Bride of the Sea (Regie: Keren Yedaya, D/IL/F 2009) mit anschließender Diskussion geplant. Der Spielfilm handelt von der Liebesbeziehung zwischen der Jüdin Mali und dem Palästinenser Tawfik, der in der Werkstatt von Malis Vater in Jaffa arbeitet. Nach einer Schlägerei mit Todesfolge wird Tawfik zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Mali, die von Tawfik schwanger ist, wendet sich von ihm ab, verheimlicht ihren Eltern jedoch, wer der Vater ihres Kindes ist. Neun Jahre später treffen die Liebenden sich wieder.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien wird am 19. November 2009 in Anwesenheit von Werner Kofler sein Dokumentarfilm Im Museum (Durch die Geschichte), der ein fiktives Museum über deutsche Geschichte thematisiert, gezeigt. Der 1947 in Villach geborene und seit 1968 in Wien lebende Werner Kofler gilt als einer der wortgewaltigsten Autoren und schärfsten Satiriker Österreichs. Im Anschluss an ein Gespräch mit Werner Kofler wird Nuit et brouillard/Nacht und Nebel (Regie: Alain Resnais, F 1955/1956) vorgeführt. Diese Produktion ist einer der ersten Filme über die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. Er kombiniert Archivmaterial in Schwarzweiß mit farbigen Sequenzen aus dem KZ Auschwitz-Birkenau, die mit einem Text des französischen Schriftstellers und ehemaligen Häftlings des KZ Mauthausen Jean Cayrol unterlegt sind. Die deutsche Fassung stammt von Paul Celan. Moderation des Abends: Albert Müller (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien)

(Stand: 28. September 2009; Änderungen vorbehalten)

Monika Kaczek und Frédéric-Gérard Kaczek AAC