STILL GOING STRONG: 1991 – 2011 JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN … wo Filme den Blick über den jüdischen Tellerrand hinaus erweitern. Laut Kalender würde das Jüdische Filmfestival Wien sein zwanzigjähriges Jubiläum feiern. Da in den Jahren 2002 und 2003 budgetbedingt keine Veranstaltungen stattfanden, können wir zwar nicht auf einen „runden“ Geburtstag anstoßen – doch wir freuen uns allemal darauf, in unserer 19. Veranstaltung eine Filmauswahl präsentieren zu können, die für jede und jeden etwas Besonderes bietet. Weiters freuen wir uns, dass auch heuer wieder das Votivkino und das De France Kino als Spielstätten zur Verfügung stehen. Zwei besondere Plätze mit einem engagierten Team und der Liebe zum Film. Im allgemeinen Programm werden neuere österreichische und internationale Produktionen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Kanada, Polen, der Tschechischen Republik und den USA vorgestellt. Die Auswahl reicht von Lebens- und Liebesgeschichten, Darstellung von schrägen Vögeln, menschlichen Schicksalen, tapferen Rittern bis hin zu wiederentdeckten Filmen. In Kooperation mit der Initiative Lobby Vorfilm werden Kurzfilme von jungen FilmemacherInnen vor einigen Hauptfilmen gezeigt. Seit Anbeginn unserer Veranstaltung haben wir immer wieder Filme gezeigt, die Unrecht anprangern. Von Stéphane Hessel inspiriert, haben wir unseren heurigen Schwerpunkt „Empört Euch!“ genannt und zeigen Filme über Widerstand sowie Zivilcourage. Im Alter von 93 Jahren, „wenn das Ende nicht mehr sehr fern ist“, wie er schreibt, hat Stéphane Hessel letztes Jahr noch einmal zur Feder gegriffen, um aus der Erfahrung seines Lebens als Widerstandskämpfer der französischen Résistance, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald und einer der Mitarbeiter der UN-Menschenrechtskommission einen Aufruf an die heutige Generation zu richten. In seiner Streitschrift Indignez-vous!, die heuer auch in deutscher Sprache mit dem Titel Empört Euch! erschienen ist, nennt er die Gründe für seine Wut: die Behandlung von AusländerInnen, das Schicksal von Einwanderern ohne gültige Papiere, das Los der Roma, die Situation im Nahen Osten, die Aushöhlung sozialer Rechte und den Finanzkapitalismus. Deshalb fordert Hessel, dass sich jede/r von uns auf friedliche Weise empören und engagieren soll. Von seinen Thesen angespornt, präsentieren wir Filme über Widerstand und Zivilcourage, zum Beispiel über die Gerechten unter den Völkern, die während des Zweiten Weltkriegs Jüdinnen und Juden geholfen haben sowie über die Rolle von jüdischen ProtagonistInnen in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Empörung erfasst uns auch, wenn wir uns z.B. das Los der Roma im heutigen Europa anschauen. Deshalb zeigen wir den Spielfilm Liberté (Tony Gatlif, F 2009), dessen Premiere letztes Jahr in der Pariser Gedenkstätte „Memorial de la Shoah“ stattfand. Regisseur Tony Gatlif, Sohn einer andalusischen Roma und eines Kabylen, erzählt hier von Anstand, Menschlichkeit und Freiheit. Für ihn sind Roma und Juden Schicksalsgenossen. In einem Interview mit der FAZ meint er: „Beide Gesellschaftsgruppen wurden über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt. Vor siebzig Jahren bedeutete die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen, mitten in Frankreich, fast automatisch den Tod.“ Darüber hinaus werden Filme als Rahmenprogramm zur Ausstellung „BIGGER THAN LIFE. 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung“ des Jüdischen Museums Wien vorgestellt. Gezeigt werden der Ritterfilm Ivanhoe (Richard Thorpe, USA/UK 1952; in Memoriam Elizabeth Taylor), der Hollywood-Klassiker The Pawnbroker (In Memoriam Sidney Lumet, USA 1964) und der Dokumentarfilm Hollywoodism – Jews, Movies, And The American Dream (Simcha Jacobovici, CDN 1998) über den Einfluss osteuropäischer Immigranten auf die Filmindustrie in Hollywood. Während unserer achtzehntägigen Veranstaltung werden fast alle Filme ihre Österreich-Premieren feiern, so z.B. Liberté (F 2009), Ha-Bodedim (IL 2009), Barney’s Version (CDN/I 2010), Elle s’appelait Sarah (F 2010), Różyczka (PL 2010) Boker tov adon Fidelman (IL 2011), oder Les hommes libres (F 2011) mit welchem wir das Festival eröffnen. Zur Vorführung des berührenden Filmes Wunderkinder (D 2011) wird einer seiner Darsteller mit uns das zwanzigste Jahr des Festivals feiern. Am 30. November wird Konstantin Wecker, wie er es bereits in seinem neuesten Album Wut und Zärtlichkeit tut, seine Empörung über viele aktuelle Themen musikalisch ausdrücken. Aber auch die Liebe wird nicht zu kurz kommen. Somit wünschen wir Ihnen schöne, nachdenkliche, humorvolle und berührende Stunden im Kino. Und wie Stéphane Hessel es treffend sagt: „In dieser Welt gibt es viele Dinge, die unerträglich sind. Ich sage den jungen Leuten: Wenn ihr nur ein wenig sucht, werdet ihr solche Dinge finden.“ Monika und Frédéric-Gérard Kaczek AAC – sowie das JFW-Team VOTIVKINO Währinger Straße 12, 1090 Wien DE FRANCE Schottenring 5/Hessgasse 7, 1010 Wien INFORMATIONEN Büro des Jüdisches Filmfestival Wien Tel: 894 33 06, TICKETS Kassaöffnung: 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn. - Telefonische Kartenreservierung: VOTIVKINO: 317 35 71 DE FRANCE: 317 52 36 - Onlinereservierung für beide Kinos: www.votivkino.at/f_2res.htm VOTIVKINO: 6,50 – 8,50 Euro DE FRANCE: 6,50 – 7,50 Euro Schüler und Schülerinnen werden Filmkritiker Was bedeutet Judentum in der heutigen Zeit überhaupt? Ist ein jüdischer Film wichtiger als andere? Was wissen wir über jüdische Kultur und deren Gebräuche? Warum sollen wir Empathie dafür aufbringen? Wir zeigen Filme, die zugleich Angst, Empörung, Courage, Wut, Freude, Liebe und Hoffnung und nicht zuletzt Humor zeigen. Beim Film Wunderkinder von Regisseur Markus O. Rosenmüller (D 2011) handelt es sich um ein preisgekröntes Drama um drei Kinder, die in Zeiten des Kriegs und der Judenverfolgung mit ihrer Musik Grenzen des Hasses überwinden. Der Spielfilm Elle s’appelait Sarah/Sarah’s Key (Gilles Paquet-Brenner, F 2010) zeigt uns Kristin Scott Thomas, eine amerikanische Journalistin namens Julia, die im Zuge von Recherchen über eine Juden-Razzia in Paris über Familiengeheimnisse stolpert, die sie selbst betreffen. Der Animationsfilm Le Chat du rabbin/Die Katze des Rabbiners (Antoine Delesvaux und Joann Sfar, F 2011) lässt uns über die Liebe eines Katers zur Tochter des sephardischen Rabbiner Sfar schmunzeln. Gemeinsam mit dem Historiker und Film Spezialisten Dr. Jérôme Segal werden die Jugendlichen Bilder, die im Kopf bleiben, zu Papier bringen. Sie erfahren über die Geheimnisse einer guten Filmrezension. Mit einem Blick über den jüdischen Tellerrand hinaus, werden Filmkritiken aus Sicht der jungen Generation verfasst. Im Rahmen unserer Schlussveranstaltung am Mittwoch, den 30. November, 2011 werden wir besondere und ausgewählte Kritiken präsentieren und ehren. StudentInnen, SchülerInnen,Präsenz- und Zivildiener, Arbeitslose (mit gültigem Ausweis): 1,- Euro Ermäßigung auf alle Sitzplatzkategorien (außer Filmfrühstück und Kinomontag) Ö1-Club: 1,- Euro Ermäßigung auf alle Sitzplatzkategorien (außer Filmfrühstück und Kinomontag), gilt auch für eine Begleitperson. Kulturpass: Kontingent von vier Karten für jede Vorstellung. Filmfrühstück: (Einheitspreise): Film mit Frühstück: 12,50 Euro Film ohne Frühstück: 7,- Euro Frühstück ohne Film: 7,- Euro VOTIVcard mit Zehnerblockfunktion: zehn Kinobesuche für 59,- Euro – Gültig ein Jahr ab Erwerb. VOTIVcard mit Fünferblockfunktion: fünf Kinobesuche für 32,- Euro – Gültig ein Jahr ab Erwerb. VOTIVcard ohne Zehnerblockfunktion: Aufbuchung ab 15,- Euro in jeder beliebigen Betragshöhe. – Keine zeitliche Befristung Die Welle startete in Frankreich, im Oktober 2010. Ein 93-jähriger Mann namens Stéphane Hessel veröffentlichte eine Protestschrift mit dem Titel Indignez-vous!/Empört Euch!. Vom Büchlein wurden innerhalb von drei Monaten 300 000 Exemplare verkauft, und nach sechs Monaten waren schon drei Millionen Exemplare in Frankreich verteilt. Das Buch wurde schnell in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und verkaufte sich in vielen Ländern als Bestseller. Als Sohn des jüdisch-deutschen Schriftstellers Franz Hessel, dessen Leben den Autor Henri-Pierre Roché zum Roman Jules und Jim inspirierte (1962 von François Truffaut verfilmt), war Stéphane Hessel ein Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Er wurde von den Nazis in Paris verhaftet, gefoltert, nach Buchenwald und später ins Lager Dora deportiert. Nach dem Krieg wurde er französischer Diplomat und beteiligte unter anderem an der Redaktion der 1948er Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen. In seinem Text über Empörung ging es ihm zunächst darum, die Solidaritätsprinzipen der französischen Gesellschaft, wie sie im Widerstand definiert wurden, in Erinnerung zu bringen, und gleichzeitig den Verrat von diesen Grundideen durch die aktuelle Regierung Frankreichs aufzuzeigen. Seine Schilderung der zeitgenössischen sozialen Ungerechtigkeiten war aber so grundlegend, dass sie für viele Länder galten und so kam es, dass sich zum Beispiel in Spanien die Demonstranten der Puerta del Sol im Frühling 2011 „Los Indignados“ (wortwörtlich, „die Empörten“) nannten. Gibt es eine „jüdische“ Empörung? Was hat es aber mit unserem Jüdischen Filmfestival zu tun? Nach mehr als zweitausend Jahren Verfolgung haben viele Jüdinnen und Juden eine hohe Sensibilität gegenüber Ungerechtigkeit entwickelt (was aber nicht bedeutet, dass es für andere nicht der Fall ist.). Empört Euch! ist für viele eine Möglichkeit, deren jüdische Identität zu erleben und Engagez-vous!/Engagiert Euch!, das nächste Buch von Stéphane Hessel, ist die logische Fortsetzung. In seinem Buch The Jewish Century hat Yuri Slezkine die Überrepräsentativität von Jüdinnen und Juden in den verschiedenen Protestbewegungen analysiert. Mindestens fünf Filme aus dem heurigen Programm gehören zum Schwerpunkt „Empört Euch!“. In Freedom on my Mind zum Beispiel, wollen die Regisseurinnen Connie Field und Marilyn Mulford zeigen, dass es für manche Jüdinnen und Juden wichtig war, in den Vereinigten Staaten am Ende der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre an der Bürgerrechtsbewegung der AfroamerikanerInnen teilzunehmen. Die Empörung ist natürlich nicht eine jüdische Eigenschaft an sich, und viele Geschichten von „Gerechten“ während des Zweiten Weltkriegs sind dafür beispielhaft. Im Film Joanna (Regie: Feliks Falk), den wir in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut Wien zeigen, erfahren wir, wie eine junge Polin sich entscheidet, ein jüdisches Mädchen zu retten und schnell auf unangenehme Reaktionen in ihrem Umkreis sowie des polnischen Widerstands stößt, weil sie zum Schutz des Mädchens eine Affäre mit einem SS-Major beginnen muss. Der Film Unter Bauern – Retter in der Nacht von Ludi Boeken liefert ein weiteres Beispiel mit seiner Schilderung von einer bäuerlichen Familie, die eine jüdische Familie beherbergt und somit retten kann. Manche FestivalbesucherInnen könnten sich wundern, dass wir auch Filme zeigen, wo weder Jüdinnen/Juden noch jüdische Themen im Zentrum stehen. Es lag uns aber am Herzen, einen Film über das Schicksal der Roma in Zweiten Weltkrieg auszuwählen und dabei nicht nur über den „jüdischen Tellerrand“ zu blicken sondern auch um ein weiteres Beispiel von Zivilcourage zu zeigen. Tony Gatlif, der Sohn einer Romni und eines Kabylen, hat mit Liberté / Korkoro (Freiheit) seinen wichtigsten Film gedreht. Die Roma, die in Frankreich bis 1946 in Lagern inhaftiert waren, wurden auch Opfer eines Völkermords. Ein dunkles Kapitel der europäischen Geschichte, das leider selten thematisiert wird und heute durch neue Diskriminierungen eine Aktualität erlebt. Die Gegenwart der Geschichte und die Geschichte Gute historische Filme können häufig die Gegenwart genau wie Dokumentarfilme beleuchten. Als unermüdlicher Pazifist war es für Stéphane Hessel besonders wichtig, zwei Seiten seines Essays der Lage in Gaza zu widmen. Er ist selber mehrmals in Gaza sowie in Israel gewesen und hat auch dort Empörungsgründe gefunden. In Budrus widmet sich die Regisseurin Julia Bacha der Geschichte eines palästinensischen Dorfes, das wegen des Baus der israelischen Mauer von seinem Friedhof und seinen Feldern mit Olivenbäumen getrennt werden sollte. Durch hartnäckige und gewaltlose Aktionen gelang es den Palästinenser, auch israelische Juden und internationale Beobachter nach Budrus zu bringen. Das Dorf wirkt am Ende als Begegnungsort für zwei Gemeinden, und der Verlauf der Mauer wird geändert – näher zu den international anerkannten Grenzen. Arna’s Children von Juliano Mer Chamis und Danniel Danniel ist auch mit einer traurigen Aktualität verbunden. Empört über die Lage der palästinensischen Kinder in westjordanischen Flüchtlingslagern, hatte sich Arna Mer Chamis in den 1980er Jahren entschieden, eine Jugendtheatergruppe zu bilden. Ihr Sohn Juliano half bei den Proben und filmte mit. Als er sich 2002 für das Schicksal der Kinder interessierte, erfuhr er, was nach langen Jahren der Verzweiflung aus ihnen geworden war, und so entstand 2003 Arna’s Children. Juliano, der sich als „hundertprozentig palästinensisch und hundertprozentig jüdisch“ definierte, wurde im April 2011 in Dschenin ermordet. Wir zeigen seinen Film in Memoriam. Er konnte vielleicht nicht ahnen, dass ein paar Monaten später Araber und Juden gemeinsam Zelte auf dem Rothschild-Boulevard in Tel-Aviv aufstellen würden, mit dem Motto „Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein“. Die Empörung in Israel für mehr soziale Gerechtigkeit 2011 war schon durch eine weltweite Empörungswelle gekennzeichnet, die zuerst vor allem Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien betraf. Kam nach dem arabischen Frühling der jüdische Sommer? Es ist noch umstritten – und es gab auch riesige Demonstrationen in Griechenland und Spanien – aber es steht schon fest, dass Israel die größten Demonstrationen seiner Geschichte erlebt hat. Der Schriftsteller und Friedenaktivist David Grossman analysierte die Protestbewegung und erklärte, dass Israel „über alles Solidarität braucht, (…) ein jüdischer Grundwert“. Nach Jahren des wilden Neoliberalismus, durch die allgemeine Privatisierung des Landes und Ausbreitung der Einkommensschere sowie die Armut gekennzeichnet, scheinen die Israelis am Ende ihrer Kräfte zu sein. Grossmann stellte die Frage: „Wohin ging das Geld?“ und antwortete: „An die Kolonien, an die Besatzung und die Armee, die die Kolonien schützt“, auch wenn er natürlich die Notwendigkeit dieser Armee anerkennt. Israel ist am dritten Platz unter allen Ländern der Welt für Militärausgaben pro Kopf gelandet. Eine weitere Erklärung, wo all das Geld hinkam, liefert der israelische Regisseur Ilan Aboody in seinem Dokumentarfilm Schitat schakschuka/ The Shakshuka System. Darin erzählt er die Geschichte des israelischen Journalisten Miki Rosenthal und seinen Versuch, hinter die geheime Verbindung zwischen Geld und Regierung in Israel zu blicken. In diesem System verkauft die Regierung ihre begrenzten Rohstoffe zu niedrigsten Preisen an eine Handvoll wohlhabender Familien. Rosenthal begibt sich gemeinsam mit dem Regisseur und Photographen Ilan Aboody auf eine schwierige Mission: Er recherchiert Geschäfte zwischen der Familie Ofer, die zu den zehn reichsten Familien des Landes gehört, und der Regierung. Die Empörung der israelischen Gesellschaft hat mit Politik sowie Moral zu tun und Filme können viel besser als die Tagesschau über diese Bewegung berichten. Wie Jean-Luc Godard es einst formulierte: „Das Fernsehen erzeugt Vergessen. Das Kino erzeugt Erinnerungen“. Wir hoffen mit diesem Schwerpunkt nicht nur Empörungen zu teilen, sondern auch Erinnerungen zu schaffen. Autor: Jérôme Segal (1923 – 2011) Jorge Semprún wird am 10. Dezember 1923 in Madrid als eines von sieben Kindern des linksliberalen Juraprofessors José Maria Semprún geboren. Die große Politik spielt in der Familie eine bedeutende Rolle: Jorge Semprúns Großvater ist in der Zeit vor Franco spanischer Ministerpräsident, seine Mutter Susana ist die Schwester des ersten Innenministers der spanischen Republik, Miguel Maura. Aufgrund des Spanischen Bürgerkriegs zieht José Maria Semprún im September 1936 mit seiner Familie nach Paris. Dort studiert Jorge Semprún nach der Rückkehr von einem längeren Aufenthalt in Den Haag Philosophie an der Sorbonne und schließt sich 1941 unter dem Decknamen Gérard der kommunistischen Widerstandsgruppe „Francs-tireurs et partisans” an. 1943 wird Semprún von der Gestapo verschleppt, und er überlebt das Konzentrationslager Buchenwald, das ihn sein ganzes Leben lang prägen wird: „Ich bin weder Schriftsteller noch Politiker. Ich bin nur ein Überlebender von Buchenwald.“ [1] Doch trotz seiner Leiden bleibt er ein Optimist: „Ich könnte stundenlang davon berichten, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist. (…) Aber was soll’s? Ich habe auch erlebt, wie ein Mann einem Mitgefangenen ein Stück Brot abgab, weil dieser schwächer war. Ich erzähle lieber von solchen Begebenheiten.“ [2] Der Kampf gegen Faschismus in allen Ausformungen und für eine gerechte Gesellschaft prägt fortan sein Schaffen. Politisch engagiert er sich zunächst für die Kommunistische Partei Spaniens. Unter dem Decknamen Federico Sánchez organisiert er von 1939 bis 1975 den Untergrundkampf gegen die Franco-Diktatur, später steigt er ins Zentralkomitee der Partei auf. Doch 1964 wird Semprún wegen „fehlender Linientreue“ – seiner Kritik an Auswüchsen des Stalinismus – von der Partei ausgeschlossen. Im Roman La deuxième mort de Ramón Mercader/Der zweite Tod des Ramón Mercader (1969) rechnet er schließlich mit dem Kommunismus ab. Seine Romane verfasste Semprún in französischer Sprache, darunter auch autobiografisch gefärbte Werke wie Le grand voyage/Die große Reise (1963) und Quel beau dimanche/Was für ein schöner Sonntag (1980), in denen er die Deportation in einem Viehwagon und seine Jahre im Konzentrationslager beschreibt. Den ersten Roman in seiner Muttersprache verfasste er im Alter von beinahe 80 Jahren. Das Werk trägt den Titel Veinte años y un día/20 Jahre und ein Tag. Darüber hinaus schreibt auch Drehbücher für die wichtigsten europäischen Regisseure, unter anderem für Alain Resnais’ La guerre est finie/Der Krieg ist vorbei (1968) und Constantin Costa-Gavras’ Z/Z – Anatomie eines politischen Mordes. Auch für den Spielfilm Stavisky (Alain Resnais, F/I 1974), der beim heurigen Jüdischen Filmfestival Wien laufen wird, verfasst er das Script. 1988 nimmt ihn Spaniens sozialistischer Regierungschef Felipe González als Kulturminister ins Kabinett auf. Der Literat soll „frischen Wind“ in die Regierung bringen. Aber schon bald gerät er mit dem Parteiapparat in Konflikt, 1991 muss er sein Ministeramt abgeben. Was Semprún zu dem Schluss führt, dass er sich für das politische Geschäft als zu undiplomatisch empfindet. Bis ins hohe Alter bleibt er unbequem und leidenschaftlich: „Wenn ich noch einmal 20 Jahre alt wäre, dächte ich nicht mehr an die kommunistische Revolution. Ich richtete im Internet einen Blog ein und verbreitete aufrührerische Ideen.“, sagt er der Zeitung El Periódico in einem Interview. [3] Am 7. Juni 2011 stirbt der große Mahner, Humanist und Literat in Paris im Alter von 87 Jahren. (1924 – 2011) Sidney Lumet, einer der markantesten und bedeutendsten Regisseure unserer Zeit, wird am 25. Juni 1924 in Philadelphia als Sohn einer polnischstämmigen jüdischen Familie geboren. Seine Eltern, die Schauspielerin Eugenia Wermus und der Rundfunkautor Baruch Lumet, sind am Yiddish Art Theater tätig, und bereits im Alter von vier Jahren steht auch der kleine Sidney erstmals auf einer Bühne. Sein Broadway-Debüt feiert er 1935 mit gerade einmal elf Jahren in der Rolle eines Straßenjungen. Er wird als Kinderdarsteller so populär, dass er mit seinen Gagen die Familie ernähren kann. Nach einem abgebrochenen Literaturstudium tritt er in die Armee ein und wird Funk- und Radarspezialist. Im Jahre 1950 schafft er mit der Fernsehserie Danger den Durchbruch als Regisseur. In dieser Tätigkeit wird er einer „der besten und produktivsten des 20. Jahrhunderts. Lumet begann mit Live-Inszenierungen fürs Fernsehen, 1957 folgte sein Kinodebüt, das Gerichtsdrama Die zwölf Geschworenen. Seine Stoffe fand er in New York, der Stadt, die er liebte, ohne sie zu verklären. Lumets Filme – unsentimental, realistisch und spannend – zeigen menschliche Abgründe (Der Mann in der Schlangenhaut, 1959), die Schatten des Holocaust (Der Pfandleiher, 1964), Korruption bei der Polizei (Serpico, 1973), wie Bankräuber zu Medienstars werden (Hundstage, 1975), den Quotenwahn des Fernsehens (Network, 1976) oder die Abstiegsangst der Mittelschicht (Tödliche Entscheidung, 2007).“ [1] Lumets beste Filme befassen sich mit den Folgen von Vorurteilen, Korruption und Betrug. Besonders faszinieren ihn Verstöße gegen das Gesetz in den Reihen der Polizei. Sein auf wahren Begebenheiten basierender Film Serpico (mit Al Pacino) löst letztendlich Reformen im korrupten System der New Yorker Polizei aus. Bis ins hohe Alter arbeitet Lumet unermüdlich weiter und dreht insgesamt über 40 Filme. „Nicht alle waren Meisterwerke, und so mancher floppte an der Kinokasse. Die Schauspieler aber wollten weiter mit ihm arbeiten, die größten, besten und berühmtesten der Branche, bis zuletzt.“ [2] Zu ihnen gehören zum Beispiel Anna Magnani, Lauren Bacall, Katherine Hepburn, Paul Newman und Marlon Brando – als atemberaubender, mysteriöser Val „Snakeskin“ Xavier in The Fugitive Kind/Der Mann in der Schlangenhaut. Rund vierzigmal wird Lumet für einen Oscar nominiert, er gewinnt die Goldstatuette aber nie. Erst 2005 wird ihm die Ehre in Form eines Lebenswerk-Oscars zuteil. Außerdem werden ihm ein Goldener Bär, der Pasinetti-Preis in Venedig, mehrere Golden Globes und gut zwei Dutzend weiterer Auszeichnungen überreicht. Sidney Lumet stirbt am 9. April 2011 in New York an Lymphdrüsenkrebs. Ihm zur Erinnerung zeigt das Jüdische Filmfestival Wien The Pawnbroker/Der Pfandleiher. Dass ein Film zum Nachdenken anregen soll, daran hält Lumet sein Leben lang fest: „Er soll Zuschauer anregen, verschiedene Facetten des eigenen Gewissens genau zu betrachten, sich Gedanken zu machen und das Gehirn stimulieren.“ [3] (1925 – 2011) Im Rahmen des heurigen Jüdischen Filmfestivals wird der Spielfilm Unter Bauern – Retter in der Nacht (Regie: Ludi Boeken, Drehbuch: Imo Moszkowicz, D 2009) in Erinnerung an Imo Moszkowicz gezeigt. Imo Moszkowicz wird am 27. Juli 1925 im westfälischen Ahlen geboren. Er wächst mit seinen Eltern Sara und Benjamin sowie seinen sechs Geschwistern auf. Vater Benjamin, der aus Moskau stammt, kommt nach dem Ersten Weltkrieg als russischer Kriegsgefangener nach Westfalen, wo er später als Bergbau- und Zechenarbeiter tätig ist. Nach einem Arbeitsunfall verdient er seinen Lebensunterhalt als Schuhmacher und Flickenschuster. Imo besucht die jüdische Mittelschule in Hamm und später die jüdische Volkshofschule. Dort hat er „einen hochverehrten Lehrer und Gemeindekantor, der ihm Goethe nahe brachte“.Zu dieser Zeit will Imo noch Rabbi werden, vor allem um Gott zu zeigen, wie wichtig ihm die Bibel ist. Zu Beginn der NS-Herrschaft gibt es einen Menschen, bei dem die Familie Moszkowicz Hilfe findet: „Tante Treschen“, eine Nachbarin. Da sie als Putzfrau für einen Arzt, der enge Kontakte mit dem NS-Regime pflegt, arbeitet, erfährt sie viele, vor allem beunruhigende Neuigkeiten. Teilweise hilft sie auch mit Lebensmitteln aus. Für diese Courage bedankt sich Imo bei ihr, indem er in Israel hundert Bäume pflanzen lässt. Außerdem setzt er sich dafür ein, dass ein Platz in Ahlen nach ihr benannt wird. Vater Benjamin beantragt für seine ganze Familie eine Einreiseerlaubnis in Argentinien, wo seine Schwester lebt. Als 1938 zunächst nur seine Einreiseerlaubnis kommt, reist Benjamin nach Argentinien mit der Abmachung, dass sie sich alle beim ersten Pessachfest nach dem Krieg in Ahlen treffen wollen. Doch das Novemberpogrom zerstört ihre Hoffnungen. Die vom Vater gesandten Schiffpapiere und Pässe gelangen beim Überfall auf die Wohnung in die Hände der SA. Später wird die Familie gezwungen, nach Essen umzuziehen, von wo sie 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert werden. Während seine Mutter und seine Geschwister im Lager umkommen, wird Imo Moszkowicz zur Zwangsarbeit für die IG Farben ins Konzentrationslager Buna/Monowitz verschleppt. Dort tritt er auf den von den IG Farben verordneten „Bunten Abenden“ auf und entdeckt so sein schauspielerisches Talent. Nach der Befreiung durch die Rote Armee in Liberec kehrt er nach Deutschland zurück, wo er eine Schauspielschule in Düsseldorf besucht. Es folgen Engagements als Schauspieler sowie Regisseur an Plätzen wie dem Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Habimah-Theater in Tel Aviv und dem Berliner Schillertheater. Daneben führt er in über 200 Fernsehfilmen und TV-Serien Regie. Als Gastprofessor lehrt er am Max Reinhardt Seminar Wien, am Salzburger Mozarteum und an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Im Jahre 1997 wird Moszkowiczs Autobiographie Der grauende Morgen veröffentlicht, in der er seine Erinnerungen, vor allem an Auschwitz, ohne eine chronologische Reihenfolge beschreibt.Am 11. Jänner 2011 stirbt Imo Moszkowicz in München. „Auschwitz: Das waren auch Gespräche mit dem Mithäftling Eli Wiesel, dem späteren Nobelpreisträger, Gespräche über Gott. Moszkowicz, das fromme Kind, hat Gott, »der in der schwersten Zeit nicht einmal einen Wink gegeben hat«, verloren. Er erinnert sich auch an einen heimlichen Abend im Leichenraum des KZ, wo ein ehemaliger Kammersänger leise gesungen und er, Imo, den Faust’schen »Prolog im Himmel« rezitiert hat. Ein jüdischer Leidensgenosse und Schauspieler hatte ihm den Text beigebracht.“ (1932 – 2011) In seiner schönen Kurzgeschichte Let Us Now Claim Famous Men beschreibt der amerikanische Autor Ralph Schoenstein ein beliebtes Hobby, das er in seiner Kindheit mit seinem Großvater begeistert durchführte. Die beiden machten sich regelmäßig auf die Suche nach berühmten Jüdinnen und Juden, wobei sie manchmal zu interessanten, ja unerwarteten Resultaten kamen. Zu ihren Entdeckungen gehörten Edward G. Robinson (eigentlich Emmanuel Goldenberg), sowie Kirk Douglas (der blonde Einar im Film The Vikings/Die Wikinger), und besonderen Ehrgeiz legten sie darin, festzustellen, ob denn nicht etwa auch Roosevelt jüdischer Abstammung sei. Als sie eines Tages erfuhren, dass die wunderbare Elizabeth Taylor zum Judentum konvertierte, bemerkte Ralphie stolz: „We picked up a ton of beauty, but we’re still short on a baritone.“ [1] Der Grund für die Konversion war übrigens Taylors Ehemann Nummer 4: Eddie Fisher. Elizabeth Rosemond Taylor wird am 27. Februar 1932 im Londoner Stadtteil Hampstead als Tochter der Schauspielerin Sara Viola Taylor und des Kunsthändlers Francis Lenn Taylor geboren. Da ihre Eltern US-Staatsbürger sind, besitzt Taylor seit ihrer Geburt sowohl die amerikanische als auch die britische Staatsangehörigkeit. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verlässt die Familie das von deutschen Luftangriffen bedrohte London und übersiedelt nach Kalifornien. Elizabeths erste Filmrollen sind reizende Mädchenfiguren in den Filmen National Velvet/Kleines Mädchen, großes Herz (Clarence Brown, USA 1944) und Courage of Lassie/Lassie – Held auf vier Pfoten (Fred M. Wilcox, USA 1946). In den folgenden Produktionen wechselt sie zu reiferen Rollen und wird als Leading Lady aufgebaut. Ivanhoe/Ivanhoe – Der Schwarze Ritter (Richard Thorpe, USA/UK 1952), der im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals gezeigt wird, spielt sie als Jüdin Rebecca nur eine Nebenrolle. Als Ivanhoe in den amerikanischen Kinos das vierthöchste Einspielergebnis aller Filme des Jahres schafft, verlängert MGM Taylors Vertrag um weitere sieben Jahre. Bald folgen unvergessliche Rollen in Giant/Giganten (George Stevens, USA 1956 an der Seite von James Dean und in der Tennessee-Williams-Verfilmung Cat on a Hot Tin Roof/Die Katze auf dem heißen Blechdach (Richard Brooks, USA 1958) als Ehefrau von Brick Pollitt (Paul Newman) und unzählige weitere Filme. Elizabeth Taylor stirbt am 23. März 2011 im Cedars-Sinai Medical Centerin Los Angelesan Herzunsuffizienz. Die Beerdigung findet einen Tag nach ihrem Tod im Forest Lawn Memorial Parkin Kalifornien statt. Da sie zu Lebzeiten immer verspätet zu Terminen kam, legte sie testamentarisch fest, dass ihr Sarg zur Beerdigung 15 Minuten später ankommen soll. „Worin Taylors Triumph liegt, wird deutlicher, wenn man sie mit Judy Garland, Jean Harlow oder Marilyn Monroe vergleicht. Während diese Frauen, allesamt Ikonen der Popkultur, am Showbusiness, an der Unvereinbarkeit von vordiktierten Karriereentwürfen und eigener Verletzlichkeit jämmerlich zugrunde gingen, wehrte sich Taylor gerissen und erfolgreich gegen eine solche Vereinnahmung. Sie überlebte Hollywood. Und, noch besser: Sie hatte ihren Spaß dabei.“ [2] (1958 – 2011) Juliano Mer Chamis wird am 29. Mai 1958 als Sohn von Arna Mer und Saliba Chamis in Nazareth geboren. Bald nach der Gründung des Staates Israel schließt sich die ehemalige Palmachkämpferin Arna Mer der Kommunistischen Partei Israels an und heiratet deren Parteisekretär Saliba Khamis, einen Palästinenser. Seit dem Beginn der ersten Intifada 1987 engagiert sie sich in Dschenin. Mit Hilfe ihres Sohnes, dem Schauspieler Juliano Mer Khamis, sammelt sie eine Gruppe von palästinensischen Kindern um sich. Gemeinsam proben sie für Theaterstücke, die Jugendlichen bekommen aber auch psychologische Betreuung. Im Februar 1995 stirbt Arna an Krebs. Als sie erfährt, dass sie nur noch ein Jahr zu leben hat, besucht sie zum letzten Mal „ihre“ Kinder und deren Familien in Dschenin. Diese bewegenden Momente nimmt Juliano für den Film Arna’s Children (Juliano Mer Chamis & Danniel Danniel, IL/NL 2003) auf, der beim heurigen Jüdischen Filmfestival gezeigt wird.2006 tritt Juliano in die Fußstapfen seiner Mutter und eröffnet in Dschenin das Freedom Theatre mit einer angeschlossenen Schauspielschule. Er, der sich zu „100 Prozent als Palästinenser und zu 100 Prozent als Jude“ definiert, steht „als Symbol dafür, dass es ein friedliches Zusammenleben beider Völker geben kann. (…) Weil er sich von keiner Seite vereinnahmen lassen wollte, blieb er ein Außenseiter. Er wurde von den Israelis gehasst, weil er ihnen Brutalität und Ignoranz vorwarf, und von den Palästinensern, weil er sich für die Normalisierung der Beziehung mit Israel einsetzte.“ [1] Juliano Mer Chamis wird am 4. April 2011 vor dem Freedom Theatre in Dschenin im Beisein seines sechsjährigen Sohnes von einem maskierten Täter angeschossen. Bei seiner Ankunft im Krankenhaus in Dschenin kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Trotz intensiver Untersuchungen sind die Täter bis heute nicht gefasst. Am 7. September startete das Freedom Theatre eine Tournee durch Deutschland, der Schweiz und Österreich. Das gezeigte Stück Sho Kman?/Was noch?, ist die erste Inszenierung des Theaters nach Julianos Ermordung. [2] Der israelische Regisseur Amos Gitai, der mit Juliano Mer Chamis einige Film drehte, meint über den Freund: „Er war eine vollkommen hingebungsvolle Person. Wenige Menschen in der Welt sind frei von Widersprüchen, und er war einer davon.“ [3]
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Bezahlung mit Bankomat ab einem Kauf von mindestens 2 Karten möglich.EMPÖRT EUCH!
Jorge Semprún
Sidney Lumet
Imo Moszkowicz
Elizabeth Taylor
Juliano Mer Chamis
17. November bis 4. Dezember 2011



